Hintergrund und Thema
In der Pflegepraxis ist Pflegediagnostik nicht mehr wegzudenken. Aus pflegewissenschaftlicher Sicht ist eine sprachlich-einheitliche Beschreibung konkreter pflegerischer Einschätzungen von menschlichen gesundheitsbezogenen Verhaltens- und Reaktionsweisen wichtig.
Derzeit bestehen mehrere Klassifikationssysteme, die sich aus der Praxis entwickelten. Unter anderem sind die NANDA-Pflegediagnosen, und auch aus dem deutschsprachigen Raum die European Nursing Care Pathways sehr bekannt.
Die AutorInnen der POP-Klassifikation zeigen einen neuen Zugang zur Pflegediagnostik auf, um einerseits komplexe Konzepte zu vereinfachen und mit Hilfe ihrer Publikation in Buchform den thematischen Zugang zur Pflegediagnostik für die pflegerische Praxis zu erleichtern.
Besondere Bemühungen unternehmen die AutorInnen, um den ressourcenorientierten Ansatz zu integrieren, und damit rückt die defizitorientierte Sichtweise in diesem Buch stark in den Hintergrund. Dazu werden im Einführungsteil von den AutorInnen brauchbare Hinweise für die Praxis angeführt.
Es muss sehr wohl angemerkt werden, dass die dahinter liegenden Konzepte bei den einzelnen Pflegediagnosen nicht aufgegriffen werden, was aber nicht das Ziel dieses Buches ist.
Daher kann das vorliegende Werk speziell jenen Praktikern empfohlen werden, die die abstrakten theoretischen Konzepte der einzelnen Pflegediagnosen bereits kennen.
In Österreich ist seit 1997 im Berufsgesetz für die Gesundheits- und Krankenpflege das Stellen von Pflegediagnosen "als die Einschätzung der patientenbezogenen Probleme und pflegerischen Bedürfnisse, insbesondere im Hinblick auf die Problemursachen" festgelegt. Die AutorInnen versuchen in dem Buch einerseits den gesetzlichen Kontext einzubringen und andererseits die defizitbezogene Problemperspektive durch die verstärkte Fokussierung auf die Fähigkeiten und Fertigkeiten (Ressourcen) der zu pflegenden Menschen zu lenken. Folglich liegt auf der Hand, dass die in der Praxis tätigen Pflegepersonen Information, Anleitung und Beratung als Selbstverständlichkeit in den Pflegeprozess integrieren, um die Autonomie der Pflegeempfänger zu stärken.
Zielgruppen
Dieses Werk zum Thema Praxisorientierte Pflegediagnostik richtet sich primär an praktisch Tätige, die sich mit Pflegediagnostik gezielt auseinander setzen. Dabei ist die Kenntnis der dahinter liegenden Konzepte der einzelnen Pflegediagnosen zielführend, da wissenschaftstheoretische Ansätze und Aussagen kaum angesprochen werden.
Fazit
Die Stärken dieser Publikation liegen darin, dass insbesondere der gesundheitspflegerische Aspekt mitberücksichtigt und verständlich dargestellt ist. Dazu bietet das vorgestellte Klassifikationssystem einen konkreten und verbindenden Ordnungsrahmen.
Das Buch ist für die Pflegepraxis eine gute Unterstützung, da die praktisch Tätigen aus einer differenzierten Auswahl möglicher Ursachen, zutreffender Kennzeichen/Symptome und Ressourcen auswählen und reflektieren können. Somit kann unter Berücksichtigung der kombinatorischen Wahl die Pflegediagnosenanzahl bei einzelnen Patienten reduziert werden, bzw. es wird das Stellen von impliziten und "alltagsnahen" Pflegediagnosen erleichtert.
In diesem Buch wird auf die Erkenntnistheorien der einzelnen Pflegediagnosen nicht eingegangen, sondern es wird nur eine modellhafte kurze Beschreibung vorgelegt. Folglich ist dieses Buch kein wissenschaftstheoretisches Werk im eigentlichen Sinne. Daher wird das Einbeziehen von pflegewissenschaftlicher Literatur, insbesondere zur Verknüpfung mit Evidenz basierten Pflegemaßnahmen empfohlen.
Rezensent: Mag. PhDr. Otto Helmut Schrenk
Psychiatrischer Gesundheits- und Krankenpfleger, Arbeitspsychologe
Allgemein beeideter gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Gesundheits- und Krankenpflege