Es gibt wohl kaum ein anderes Gebiet, auf dem sich populäre Irrtümer und weit von jeder Wissenschaftlichkeit entfernte Meinungen so hartnäckig - und oft auch wider besseren Wissens - behaupten, wie auf dem der europäischen Hexenverfolgung des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Der Umstand, dass diese Versionen zumeist zum Zwecke der Polemik gegen eine vermeintlich misogyne, gewaltlüsterne katholische Kirche erzählt werden, macht die Frage nach der tatsächlichen Haltung der Päpste gegenüber dem Phänomen Hexerei zu einer hochinteressanten Angelegenheit.
Rainer Decker, der 1996 als einer der ersten Historiker Zugang zum Archiv des Heiligen Offiziums bekam, liefert mit diesem Werk eine faszinierende Darstellung der Entwicklung von den Anfängen der Inquisition im Mittelalter bis zu den letzten Prozessen im 18. Jahrhundert.
Deckers Hauptaugenmerk gilt dabei den wechselvollen theologischen Debatten, die innerhalb der Kirche zu deren Haltung gegenüber der Hexerei geführt wurden. Es liegt dabei in der Natur der Sache, dass es keine einheitliche und durchgängige Meinung geben konnte. Insgesamt offenbaren die Quellen jedoch das Bild einer meist eher von Zurückhaltung und Mäßigung geprägten Politik der Kirche gegenüber einer im Verhältnis weit weniger von Rationalität und gesunder Skepsis belasteten weltlichen Justiz.
Der Autor gibt eine ausführliche Darstellung der Debatten im Kontext der Ereignisse: Werke wie der berühmt-berüchtigte "Hexenhammer" Heinrich Institoris' werden nicht nur vom Inhalt her, sondern auch über ihre Entstehungsgeschichte behandelt, was in der Darstellung ihrer Rezeption erkennen lässt, dass sie weit weniger die Billigung Roms erfuhren als vielmehr den Widerspruch zahlreicher Geistlicher. Decker legt den Wandel der in der Bevölkerung kursierenden Vorstellungen von Hexen dar und erzählt spannend über das beständige Ringen um Zuständigkeiten zwischen geistlicher und weltlicher Autorität. Dabei meistert der Autor die Komplexität des Themas, ohne dass sich an irgendeiner Stelle Längen ergäben.
Für Religionswissenschaftler und Historiker ist dieses Buch ein "Muss", für alle anderen eine überaus lohnende Lektüre. Sehr empfehlenswert!