Die pädiatrische Binsenweisheit "Kinder sind keine kleinen Erwachsenen" wird ja nun mittlerweile in allen neueren Publikationen und Lehrveranstaltungen als Motto ausgegeben. Umso überraschender, dass Aufbau und Inhalt mancher pädiatrischer Lehrwerke auch neueren Datums noch immer auf eine Arztausbildung ausgerichtet ist, die vornehmlich auf die Vermittlung von Krankheitsbildern statt auf die Vermittlung der bei Kindern und (als ebenso wichtiges pädiatrisches Klientel) Eltern so bedeutsamen Arzt-Patienten-Interaktion focussiert sind. Dabei sind doch nicht nur das Wissen um die Besonderheiten in Körperbeschaffenheit und Verhaltensformen von Kindern und Eltern bei Arztbesuchen wichtig, sondern auch die praktische Fertigkeit, zielsicher und souverän mit speziellen Situationen dieser Art umgehen zu können.
Das Taschebuch zur pädiatrischen Anamnese, Untersuchung, Diagnose von Rosenecker und Schmidt erfüllt die Aufgabe, angehende Ärzte praktisch an den sensiblen Umgang mit Kindern und ihren Eltern heranzuführen so gut, dass ich bedauere, es nicht bereits zu meinem Pädiatrieblock im Studium genutzt haben zu können. Besonders gefällt die schlichte Prägnanz, mit der konzentriert auf die wichtigen Punkte im Umgang mit den Patienten das gesamte Buch hindurch eingegangen wird. Schon der Aufbau verrät, wie umstandslos die Thematik behandelt wird. Die Einleitung beträgt eine (!) Seite, ohne dass man das Gefühl hätte, hier sei etwas Wichtiges vergessen worden. Dann werden die folgenden Abschnitte in "Anamneseerhebung", "Untersuchung des Kindes" und "Spezielle Aspekte der Untersuchung im Kindesalter" aufgeteilt, wobei die Anamnese 14 Seiten und die Untersuchung des KIndes knapp 200 Seiten einnimmt. Man hat den Eindruck, als wären diese Unterteilungen nur alibimäßig vorgenommen worden, um formalen Lehrbuchansprüchen zu genügen, was aber äußerst sympathisch und wohltuend daherkommt, weil auf eine künstlich umständliche Hauptgliederung mit pseudowissenschaftlicher Nabelschau verzichtet wurde. Die eigentliche funktional sinnvolle Untergliederung ist ohnehin innerhalb der Themenabschnitte zu finden. So verbirgt sich unter "Untersuchung des Kindes" (Abschnitt 2) neben den allgemeinen Untersuchungstechniken und - voraussetzungen eine optimal abgestimmte Unterweisung nach Funktionssystemen beim Kind, wie z.B. Haut, Lunge und Atmung, Herz/Kreislauf, muskuloskelettales System, Immunsystem oder Gerinnungssystem, unter Abschnitt 3- "Spezielle Aspekte..." die Untersuchung bei Neu- und Frühgeborenen, bei Kindern in Notfallsituationen und Kindesmisshandlung als eigenes Kapitel.
Der Inhalt überrascht noch positiver. Selten ist umfassende praktische Information über Krankheit und Therapie so gut und kompakt im Einklang mit wichtigen Tipps und Tricks sowie mit besonders zu beachtenden Warnhinweisen zu so einer praktikablen Fülle kombiniert worden. Ein glatt lesbarer Fließtext, sehr gut abgestimmt mit Tabellen und (für mich besonders erfreulich) sehr guten Abbildungen, selbst wenn sie schwarz/weiß sind, geben niemals das Gefühl, dass hier irgendwas zu kurz kommt. Und vor allem die ständig wiederkehrende Einflechtung der Besonderheiten bei Kindern und Eltern kranker Kinder, die der Arzt/die Ärztin zu berücksichtigen hat, vermittelt die praktische Sicherheit, die angehende Pädiater oder Ärzte mit pädiatrischen Optionen auch wirklich brauchen.
Das typisch gefällige Springer-Layout hat hier sogar ein Optimum in der richtigen Mischung von Zwei-/und Mehrfarbigkeit gefunden. Besonder positiv sind noch die Farbtafeln mit gut erkennbaren Abbildungen zu bestimmten Krankheitsbildern sowie das Glossar mit eigens noch einmal erläuterten Fachbegriffen zum schnellen Nachgucken (beides am Ende des Buches) zu bewerten.
Für mich rundherum ein gelungenes Pädiatriebuch, dem man das Engagement der Autoren, ein an das reale Berufsleben gekoppeltes praktisches Instrumentarium an die Hand zu geben, deutlich ansieht. Genau das beschreiben die Autoren in ihrer kurzen Einleitung als Ziel dieses Buches. Genau das haben sie damit mehr als erreicht.