You won't find Outer Maroo on any map, and the people who live there intend to keep it that way. In Janette Turner Hospital's extraordinary new novel
Oyster, this bleak, drought-stricken town in the Australian outback is home to a scant handful of religious fundamentalists and rowdy, gun-toting opal miners. United by their dislike for taxmen, the government, and "foreigners," the inhabitants have managed to keep their town's underground riches a secret from the world--until the day when a bloody, raving, but "quite strikingly beautiful" man staggers in from the desert and changes everything: "Then Oyster came, and quite soon after, jeeps began to announce themselves in small red clouds. There were campers and squatters, and they kept arriving as the zeros on the calendar got closer; or at any rate that was the connection that Oyster himself made, and the newcomers shared his belief, and so disposed themselves for a certain kind of future, now upon us."
In the weeks to come, the charismatic Oyster draws young drifters to his commune outside town, Oyster's Reef, where they become little more than slave labor in the Reef's opal fields. Seduced by his apocalyptic rhetoric or corrupted by his money, the town enters into a strange complicity with the mysterious guru, and anyone who dares to question the arrangement--including a local schoolteacher--conveniently disappears. Eventually, town and cult alike perish in a bloody firestorm that recalls events in Waco, Texas. Throughout, Turner Hospital expertly evokes the desert's shifting dreamscape, a land of pitiless light and heat where the atmosphere itself conspires to create illusion; narrated by a shifting cast of characters, moving back and forth in time, this eerie, hypnotic book often seems much the same way.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Gebundene Ausgabe
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Der Weinberg des Herrn als Mördergrube
Janette Turner Hospitals Roman «Oyster»
Das Verstörendste an «Oyster», dem morbiden Roman der australischen Schriftstellerin Janette Turner Hospital (auf deutsch erschien zuletzt «Der Tiger in seiner Höhle»), ist das Fehlen beruhigender Allegorik. Ein Dorf tief im australischen Outback glüht hier ganz ohne Uneigentlichkeit in banaler, erbarmungsloser Hitze, Oyster ist nur irgendein Name, und die Stigmata, die der charismatische Mann in Weiss bei seinem ersten Auftritt trägt, machen ihn noch nicht zum neuen Messias. Er hat sich nur verletzt. Doch die Bewohner von Outer Maroo fallen herein auf das Spiel mit Zeichen und Worten. Oyster muss der sein, dessen Kommen ihr sektiererischer Prediger Mr. Prophet immer angekündigt hatte.
Im geographisch und kulturell isolierten Outer Maroo, mit seiner religiösen Hysterie, seiner totalen sozialen Kontrolle und seiner inzestuösen Stickigkeit, findet Oyster den idealen Standort für seine Kommune. Kaum ist er eingetroffen, folgen ihm jugendliche Sinnsucher aus Brisbane und Auckland. Die millenaristischen Lehren Prophets und Oysters, inspiriert an der Offenbarung des Johannes, pflanzen Furcht und Abhängigkeit in die empfänglichen Köpfe seiner Jünger, die für ihr «Auserwähltsein» teuer bezahlen. In Oysters lungenzerreissender Mine, dem «Weinberg des Herrn», schürfen sie für ihn Tag und Nacht nach Opalen. Doch was dort eigentlich vor sich geht und wo die bleiben, die sich ihm spirituell, sexuell und mit ihrem Leben hingeben, offenbart sich erst am Ende des Buchs.
«Oyster» erzählt zwei ineinander verschlungene Geschichten: eine von der Unterdrückung der Wahrheit, eine vom Ringen darum, sie auszusprechen. Verschworen gegen den Rest der Welt, tun Oyster und die Dorfbewohner alles, um der Welt die Existenz ihres Ortes und das Geschehen in der Mine zu verheimlichen: Briefe werden nicht befördert, Telefonleitungen gekappt, Benzin ist rationiert, um Renegaten die Flucht zu vereiteln. Wer Kritik übt, wie die Lehrerin Ms. Rover, verschwindet in Oysters Grube. Auf Landkarten fehlt der Ort. So perfekt das Regime nach aussen dichthält, so schwer fällt es, dem Innendruck standzuhalten, den das Wissen um die monströsen Vorfälle erzeugt. Seine sinnliche Entsprechung findet es in dem Verwesungsgeruch, der der Mine entweicht. Für ihre Komplizenschaft und für den Profit, an dem Oyster sie beteiligt, zahlen die Dorfbewohner mit gequältem Gewissen und stockendem Atem.
«Oyster» scheint zunächst dem Muster der Detektivgeschichte zu folgen. In Nick und Sarah, die nach ihren verschollenen Kindern fahnden, identifizieren wir schon die Ermittler. Doch ihr Aufklärungswille läuft ins Leere: die Wahrheit ist dem ganzen Ort bewusst, selbst den beiden Outsidern verrät sie jeder Atemzug. Wie so oft im 20. Jahrhundert ist die Einsicht ins Geschehen vergleichsweise einfach zu erlangen; wesentlich schwerer ist es, seine Monstrosität zu ertragen. Die Spannung erwächst denn auch weniger aus dem sukzessiven Ausspielen von Informationsfragmenten an den Leser als aus der inneren Dynamik, die sich entwickelt, wenn einzelne Charaktere darum ringen, das Geschehen in Worte zu fassen. Nick und Sarah, die Ermittler, welche die Wahrheit fürchten, dienen hierzu als blosse Katalysatoren.
Die Erzählung folgt diesem Prozess, seinen zirkulären Bewegungen, den Versuchen, das Geschehen von immer neuen Ausgangspunkten her anzugehen, in der Hoffnung, den inneren Widerstand gegen das Aussprechen und Eingestehen zu überwinden. Die brüchige, wie von Wunden, Narben und Schnitten verletzte Textur der Sprache mit ihren unbeendeten Sätzen, fallengelassenen Themen und jähen Ablenkmanövern gewinnt dabei eine eigene Dimension des Bedeutens. Auf vermittelnde oder erklärende Interventionen verzichtet die Erzählung fast völlig. Der Leser selbst muss die noch ungeordneten, der Unterdrückung abgerungenen Partikel zusammenfügen und interpretieren. Dabei überträgt sich die Beklemmung der Dorfbewohner auf ihn, als sei er selbst gefangen in Oysters System der Sprech- und Denkverbote.
Turner Hospitals Roman frustriert den Leser streckenweise. Nicht immer hält sie die Dichte, der hohe Ton klingt überzogen, solange wir noch im dunkeln tappen, und durch das Insistieren auf der Unaussprechlichkeit des Geschehens fühlt sich der Leser erst ausgeschlossen, um dann seine hochgetriebenen Erwartungen doch nicht ganz eingelöst zu finden. Mit dem etwas geschmacklosen Holocaust-Vergleich schliesslich bestätigt sie, dass ihr das brillante Konzept ihres Romans ein wenig zu Kopfe gestiegen ist. Wäre sie allerdings schüchterner und vorsichtiger, hätte sich die Autorin nicht auf ein so riskantes Sujet wie die aggressiven sektiererischen Bewegungen eingelassen, deren Popularität seit Waco, Heaven's Gate, den Giftgasattentaten in der Tokioter U-Bahn und der Kontroverse um Scientology gerne zu einer Art Signet der Gegenwart erhoben wird.
Turner Hospital wird dem Thema in beeindruckender Weise gerecht. Unerschrocken und intelligent wendet sie eine Geschichte, die man zunächst für ein weiteres intimes Seelendrama hält, in subtilen Horror von einer Intensität und Breite, wie man sie allenfalls aus dem Kino kennt. Ihre Phantasie, ihre Unerschrockenheit vor dem entsetzlichen Geschehen und ihr Vermögen, die grossen Bögen ihrer Geschichte und ihre verstörenden Details im Griff zu behalten, scheinen dabei (fast) unbegrenzt.
Jörg Häntzschel