Muß man wirklich immer erst böse werden? Es geht doch....
Habe ich dem Konzert in Danzig noch ob der peinlichen Bühnen- und Playbackleistung ordentlich eins auf die Zwölf gegeben, da packt der Kollege Jarre hier so einen Vintage-Hammer aus. Sicherlich ist der digitale Leistungsnachweis hier absolut NICHTS für den klassichen Besucher eines Jarre-Konzerts. Vielmehr ist es eine Museeumstour durch die Welt der grossen, klassischen Synthesizer aus der Zeit, wo Synthesizer noch sauschwer und unbezahlbar teuer waren (vor allem in der Menge). Und die stehen hier nicht unberührt und restauriert in einer Ausstellung, sondern werden wirklich benutzt und gespielt. Mit allen Macken, Dings und Dongs, die sie sich in den letzten 30 Jahren nunmal eingefangen haben. Der echte Freak wird hier schon mit dem majestätischen Anblick vom Mellotron, Moog Modular, wahllos verteilten MiniMoogs, Eminent-Orgeln und zig anderen Vintage-Klötzen entlohnt.
Völlig unspektakulär in einer kleinen Halle ohne Zuschauer, ohne Licht, ohne Theater, ohne Laser, ohne Feuerwerk, ohne peinlich zu werden - sprich: genau so, wie man sich ein Konzert elektronischer Musik als Musiker vorstellt. Und gespielt wird das Urgestein der elektronischen Musik "Oxygene", dicht am Original, aber zum Glück nicht 100%ig getroffen. Gerade das macht für mich den Charme dieser Aufnahme aus, die ich im Original als Blage noch von einem Mono-Kasettenrekorder gehört habe.
Für mich als Keyboarder lohnt sich das Dingen alleine schon, um einmal einige (von Jarre so bezeichnete) Rolls Royce und Ferrari der elektronischen Gründerzeit in Aktion zu sehen. Für Tastenleute ist das hier ein optisches Fest. Im Review zu Danzig habe ich mir noch eine echte elektronische Aufführung, auch mit dem Manko des nicht 100%igen, gewünscht; mit diesem Datenträger hat mir Jarre diesen Wunsch erfüllt. Man möchte fast das selbe für die Equinoxe fordern, denn die feiert ja auch bald ihren 30. Geburtstag.
Ich habe lediglich zwei Kritikpunkte: Zum ersten ist es wohl nicht wirklich 100% in einem Zug live eingespielt, dafür gibt es leider zu oft Goofs (Rimbert stöpselt am Modularen rum, in der nächsten Szene ist er vertieft am Moog, nächste Szene wieder mit Draht am 2500er. In einer Szene rennen Kameraleute in's Bild, beim nächsten Cut sind sie weg) in der Kameraführung. Und mein Weibchen bemängelt das etwas unglückliche Shirt Jarres ;). Weiter habe ich nichts zu meckern: Sound und Bild sind ok und mehr als ausreichend. Wenn ich eine Referenzscheibe haben möchte, leg ich mir eine Test-DVD ein.
Nun, für wen ist dieses Produkt jetzt eigentlich geeignet? Sicherlich nicht für den Besucher eines Pur-Konzertes. Sicherlich auch nicht für den versehentlichen Besucher eines Jarre-Konzertes, der auf Playback, Feuerwerk und Laser steht. Es ist ein Produkt von Musikern für Musiker. Wer aber wie ich mit Oxygene und Equinoxe gross geworden ist und vielleicht auch nebenbei noch ein paar Tasten drückt, muss dieses Teil im Regal haben.
Für mich 5 Sterne, einen Stern Abzug wegen des Live-Schummelns und das T-Shirt :). 100% Kaufempfehlung für Elektronikmusiker, 0% für Leute, die Spaß an Open-Air-Playback-Produktionen haben. Den 3D-Blödsinn kann man sich imho sparen und unfallfrei zur 2D-Variante greifen.