2009 ereilte meine Wenigkeit eine der schlimmsten Nachrichten: Die Designers Republic, die legendäre Designergruppe deren Schaffen für mich persönlich das Beste ist was der kontemporären Kunst passieren konnte seit Kasmimir Malewitsch's Entdeckung des Suprematismus, sind pleite. Die Weltwirtschaftskrise macht's möglich. Das war dann ja wohl der letzte Sargnagel für das Grab eines ehemals tollen Labels namens WARP, welches sich durch eine regelrechte "Verpoppung" seit ungefähr 2004 mehr oder minder selbst umgebracht hat. Gekrönt wurde dieser Verfall durch fragwürdige Entscheidungen, z.B. die (auf 1000 Stück) limitierte Version des Vorgängeralbums Quaristice. Innerhalb von 12 Stunden wurde es ausverkauft (Preis um die 30 Pfund). Dumm standen die übrigen Fans da, die die wunderschöne Option bekamen entweder die abgespeckte Standardversion des Albums zu kaufen oder die Special-Edition (Verpackung aus Stahl) von schlauen Händlern zu kaufen, die selbst so um die 100 Stück aufkauften um das Album zu horenden Preisen (300, 400 oder sogar 1000 Pfund) anzubieten. Fraglich ist auch, was überhaupt Autechre dazu gebracht hat diesbezüglich mitzumachen (schnelles Geld????). Man sollte jedoch die Vergangenheit ruhen lassen und auch manchmal vergeben, denn das Jahr 2010 steckt auch voller Überraschungen.
Die beste Nachricht sofort: Die Designers Republic ist zurück. Gott sei Dank! Ja!!!! Diesmal mit einem Artwork, das wie eine Variation des Artworks der Hangable Auto Bulb Compilation von AFX aussieht. Die zweite Gute Nachricht: keine LIMITIERTE Special-Edition mehr. Super. Ok, aber wird uns dieses drauf gepinselte schwarze Loch musik-technisch verschlingen? Ja, definitiv. Sean und Rob veröffentlichen mit Oversteps eines ihrer melodischsten Alben seit...hmmm, Tri-Repetae? So Einer hatte schon Probleme gehabt, ein Autechre Album zu beschreiben, da sie immer, als eine der wenigen Musikgruppen, die Grenzen der Innovation verschieben.
Versuchen wir es doch mal:
Oversteps ist wie (Terminator 2 Fans aufgepasst) eine "mimetische Polylegion", wie Musik die zum flüssigen Metal wird. Man nehme das Konzept von "Eutow" (komplizierte, eingängige Melodien, treffen auf einfachen Beat), mische es mit den letzten Musikausflügen Autechres (Untitled, Quaristice) und der Atmosphäre von Confield. Lassen Sie sich jedoch nicht vom Titel beirren oder so mancher Theorie im Internet: Oversteps hat nichts mit dem neusten Musikschrei aus England "Dubstep" zu tun. Vielmehr kreieren Autechre wie so üblich ihre eigenen Soundgebilde. So erscheinen viele Beats auf Oversteps als einfache Melodiesprünge. Die Sounds klingen organisch, sind aber künstlich. Im "known(1)" hört sich beispielsweise wie eine künstliche Klarinetten-Session an. Oder "ilanders" welches durch seine "bösen" Melodien und Beats besticht. Wenn man genauer hinhört könnte man meinen bei "O=0" eine Tuba zu hören und zwischen "d-sho qub" und "st epreo" schleicht sich ein menschlicher Chorus ein. Tracks wie "r ess" oder "pt2ph8" laden dann wieder zum einfachen Chillen ein. Im Gegensatz zu Quaristice bestehen die beatlosen ambient Titel (woraus auch "Oversteps" zum Großteil besteht) nicht mehr aus einfachen Geräuschen und minimalen Soundflächen (wie bei Pan(a)sonic), sondern aus schönen schrägen Melodien die den Zuhörer in zukünftige Welten entführen. Einflüsse von einiger Lieblingsbands Autechre's, wie Coil oder Throbbing Gristle, sind deutlich spürbar, jedoch bleiben Sean und Rob ihrem unverkennbaren und unbeschreiblichen Trademark-Sound treu. Wenn sie jetzt nur noch zum Rephlex, Skam oder Planet-Mu Label "übertreten würden"....