Etwas neues von Down zu hören, ist immer insofern schwierig, als dass die Messlatte so verdammt hoch liegt. 'Over The Under' bildet da keine Ausnahme, aber man merkt schon bei den ersten Klängen, dass jeder der fünf Musiker lange genug dabei ist, um sich von Erwartungshaltungen und Erfolgsdruck nicht sonderlich beeindrucken zu lassen.
Qualitativ ist die Produktion meines Erachtens die bisher aufwändigste. Die ersten vier Songs walzen derart unbändig und brachial aus den Boxen, dass man kaum in der Lage ist, sich einen klaren Eindruck dessen zu verschaffen, was einem da durch die Eingeweide wummert. Druckvoll ist kein Ausdruck für die Gitarrenwände, die sich da auftürmen, und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, dass Drummer Jimmy Bower seine liebe Mühe hat, gegen Bass und Gitarren anzuknüppeln.
Nachdem der Fünfer also klargemacht hat, wo der Hammer hängt, schließen sie mit den Songs an, die sich binnen Sekunden ins Ohr grooven. Ob sehr bluesig bei 'Never Try', nahezu doomig auf 'Mourn' oder als straightes Riffmonster in Gestalt von 'On March The Saints' jedem Song ist dieses spezielle Down-Feeling inne, eine Unverwechselbarkeit, die nur ganz wenige Bands erreichen.
Mit 'His Majesty The Desert' setzt dann der epische Part des Albums ein, in dem die Songs weiter ausufern, miteinander verschmelzen und eigentlich weniger einzelne Stücke als ein einziges großes Werk bilden. Nichtsdestotrotz sind es diese letzten Songs, die abwechslungsreicher als der Rest daherkommen, denn während zum Beispiel das gezupfte 'His Majesty The Desert' den ruhigsten Teil des Albums darstellt, folgt mit 'Pillamyd' der brachialste und härteste Song.
All dem haftet dabei eine irgendwie zwiespältige Atmosphäre an. Wenngleich so spielfreudig und bluesig laid-back wie eh und je, fühlt sich 'Over The Under' trotzdem wütender, melancholischer, sehnsüchtiger und mitgenommener an, als es die vergangenen beiden Alben taten. Obwohl Anselmo sich stimmlich auf Gesang beschränkt, und beinahe nie losschreit, klingt er so unbändig und kraftvoll wie zu Pantera-Zeiten und das selbst dann, wenn der erste Eindruck eher der ist, dass er zwischen den Instrumenten untergeht. Ähnlich verhält es sich mit der Gitarrenarbeit, denn Keenan und Windstien (die wieder so zusammenspielen, als seien sie in Wirklichkeit ein vierarmiges Monster mit zwei Gitarren) gelingt es, die Balance zwischen nachhallenden Riffs, vernebelten Melodien und kompromisslosem Shreddern noch punktueller als in der Vergangenheit zu treffen. Dass dabei das Riffing dominiert, ist wenig verwunderlich, und unterstützt von Brown und Bower kreieren sie damit eine Southern Rock Katharsis ohnegleichen.
Bemessen an den letzten Alben stellt 'Over The Under' insofern das sperrigste und ausgeklügeltste Werk der Band dar. Die beiden Vorgänger, die jeweils in kürzerer Zeit und unter anderen Umständen entstanden, gaben sich zugänglicher und direkter, wohingegen 'Over The Under' mehr auf der Grundlage tatsächlichen Songwritings fußt. Dass beide Wege funktionieren, beweist einmal mehr, dass Down mehr als nur ein Nebenprojekt ist.
Sollte der erste Eindruck also nicht so überwältigend sein, wie erwartet: Einfach nochmal anhören. Spätestens beim dritten Durchlauf ist man wieder dort, wo man mit Down sein will.