Riccardo Chailly, 1953 in Mailand geboren, machte bereits in jungen auf sich aufmerksam. Als er 21 Jahre alt war holte ihn Claudio Abbado als seinen Assistenten an die Mailänder Scala. Es folgten relativ schnell regelmäßige Auftritte an großen Opernhäusern. 1982 wurde Chailly dann Chefdirigent der Radio-Symphonie-Orchesters Berlin (heute: Deutsches Symphonie Orchester), blieb dort bis 1989, wurde 1988 parallel Chef des höchst renommierten Concergebouw Orchestra in Amsterdam, das er bis 2004 leitete. 2005 wurde Chailly Gewandhauskapellmeister in Leipzig und Generalmusikdirektor der dortigen Oper (die letztgenannte Position hat er 2008 nach Differenzen mit der neuen Opernleitung niedergelegt).
Das National Philharmonic Orchestra, nicht zu verwechseln mit dem Philharmonia Orchestra wurde 1964 von RCA Records als reines Schallplattenorchester gegründet. Musiker aus London reichhaltigem Talentpool wurden verpflichtet. So gehörten nahezu alle Konzertmeister der größeren Londoner Orchester dem NPO an. 1974 begann es auch für andere Label wie z.B. Decca Aufnahmen zu produzieren. Es wurde bis in die 90er häufig unter anderem auch für Filmmusiken verpflichtet. Das Orchester besteht nicht mehr.
Chailly und das National Philharmonic Orchestra widmen sich auf dieser CD den Ouvertüren zu Opern von Gioacchino Rossini. Viele der Opern, deren Ouvertüren Sie hier hören erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit auf den Opernbühnen, allen voran natürlich "Der Barbier von Sevilla", aber auch z.B. "Die Italienerin in Algier" oder "Der Türke in Italien" werden nach wie vor sehr regelmäßig aufgeführt. Guillaume Tell, Rossinis einzige Oper in französischer Sprache und eines der wenigen Werke aus seiner Feder, das große, dramatische Literatur verarbeitet und keine einfachere Komödie, nämlich "Wilhelm Tell" wird weitaus seltener gespielt und gilt ein wenig als sperrig. Inwieweit man sich diesem Verdikt anschließt ist fraglich, schwer zu bestreiten ist allerdings, dass "Guillaume Tell" ein Werk ist, bei dem die Ouvertüre das übrige Werk an Prominanz um Längen überragt. Die Tell-Ouvertüre ist einer der absoluten Evergreens der Konzertliteratur und mir ihr beginnt auch CD 1 dieser Doppel-CD.
Dieser Start gelingt absolut fulminant. Weich, feinfühlig und mit einem hervorragenden Ton erklingt das Cello-Solo der Einleitung. Die langsame Steigerung zum großen Sturm gelingt Chailly ausgezeichnet, der Sturm selber ist wild und furios ohne dass dabei nur gelärmt würde, wie man das manchmal hört. Chailly und dem Orchester gelingt bei aller Kraft auch, Details der Instrumentierung fein herauszuarbeiten. Die sich anschließende "Ruhe nach dem Sturm" gelingt ebenfalls feinfühlig, das legendäre Kavallerie-Finale wird wunderschön gespielt. Eine herrliche Aufnahme. Und es geht so weiter, Chailly und das Orchester arbeiten Schwung und Temperament von Rossinis Ouvertüren ebenso schön heraus wie die bisweilen eher etwas gravitätisch und pathetisch gehaltenen Einleitungen.
CD 2 beginnt mit der neben der Tell-Ouvertüre wohl bekanntesten, nämlich der zum Barbier von Sevilla. Chailly verzichtet bei dieser auf Effekthascherei. Sie hören keine lauten Tschinellen oder ähnliches. Der Dirigent hat ein insgesamt recht hohes Tempo gewählt. An der einen oder anderen Stelle fehlt es mir bei dieser Aufnahme etwas an Transparenz - manchmal sind es Streicher, manchmal Holz- und manchmal Blechbläser, die ich gerne etwas deutlicher hören möchte. Es übersteigt meine technische Einschätzungskompetenz, aber ich würde mutmaßen, dass hier eher mit dem Alter der Aufnahme und der damals verwendeten Technik zusammenhängt und weniger Chailly oder dem Orchester anzulasten. Der Effekt fällt auch nicht zu gravierend aus. Es ist insgesamt eine sehr gelungene Barbier-Ouvertüre.
Neben dieser überzeugen mich auch die weiteren Aufnahmen von CD2, wobei ich gestehen muss, dass ich außer zu "Semiramide" kaum Vergleichsmöglichkeiten habe.
Das gehörte überzeugt mich insgesamt auf jeden Fall in hohem Maße, so dass ich diese Doppel-CD insgesamt als sehr gelungen bezeichnen möchte und Ihnen wärmstens empfehlen möchte. Die Aufnahme-Qualität ist sehr gut, wobei es heutzutage sicher noch etwas besser ginge. Diesbezüglich haben die Aufnahmen ein vermutlich hauptsächlich in ihrem Alter begründetes Manko.