"Ich brauche keinen Durchsuchungsbefehl, ich warte einfach auf die Dunkelheit."
Der Mann, der diese Worte ausspricht ist Jack Reacher. Ein Ex-Militärpolizist, der nur mit Ausweis, Kreditkarte und zusammenklappbarer Zahnbürste per Anhalter oder Bus durch die Vereinigten Staaten reist. Ohne Gepäck oder sonstige persönliche Gegenstände dabei zu haben. Dafür aber mit klaren Prinzipien und der festen Überzeugung, dass man Unrecht nicht einfach so geschehen lassen darf. Knallhart und kompromisslos setzt er sich für die Gerechtigkeit ein und geht dabei viel weiter, als normale Gesetzeshüter dies dürfen oder tun würden.
Zwei kleine Städte in Colorado: "Hope" und "Despair". Übersetzt lauten die Städtenamen "Hoffnung" und Verzweiflung". Zwischen den Orten liegen nichts weiter als zwölf Meilen einsamer Landstrasse. Jack Reacher hat keine Mitfahrgelegenheit gefunden, deshalb ist er zu Fuß unterwegs. Alles was er will, ist eine Tasse Kaffee. Was er allerdings bekommt, ist eine Verwarnung wegen Landstreicherei und eine Eskorte von vier hinterwäldlerischen Hilfssheriffs aus "Despair", die ihn bis zur Stadtgrenze von "Hope" bringen.
Ein böser Fehler.
Sie haben sich den falschen Kerl ausgesucht. Reacher ist ein großer, stämmiger Mann und er ist in bestechender Form. Keine Arbeit, keine Adresse, kein Gepäck. Nichts weiter, außer seiner Neugierde und seinem Interesse an Gerechtigkeit. Was für Geheimnisse wollen die Ortsansässigen so entschlossen verbergen?
Ein kleiner loser Faden nur, doch als Reacher daran zieht, entfaltet sich ein Geflecht von miteinander verwobenen Verschwörungen, die schockierende Wahrheiten über einige der größten Skandale der Vereinigten Staaten enthüllen. Andere würden davor vielleicht zurückschrecken, doch Jack Reacher hat buchstäblich - nichts zu verlieren.
"Nothing to Lose" (übersetzt - nichts zu verlieren) ist auch der Originaltitel des vorliegenden 12. Bandes der Jack Reacher Reihe und trägt in der deutschen Übersetzung den Titel "Outlaw".
Warum man sich erneut für einen Einwort-Titel entschieden und dafür ein englisches Wort gewählt hat, können vermutlich nur die Verantwortlichen im Verlag beantworten, aber die letzten Bände der Reihe ("Sniper","Way Out" und "Trouble") wiesen ja ebenfalls dieses Schema auf - ob das jetzt so sinnvoll ist, eine deutsche Übersetzung mit einem englischen Titel zu versehen, sich dazu eine Meinung zu bilden, mag jedem selbst überlassen sein, doch generell tun sich ja deutsche Verlage schwer damit, gute Titel zu finden, wenn es um Übersetzungen geht.
Doch das sollte keinen davon abhalten, dieses Buch zu lesen, denn mit "Outlaw" hat der Brite Lee Child einen Thriller verfasst, der den Leser packt und fesselt und auf allerhöchstem Spannungsniveau zu unterhalten weiß.
Der Ex-Militärpolizist Jack Reacher ist der Hauptheld in der Romanreihe von Lee Child, die mit großer Regelmässigkeit die Spitzenplätze auf den Bestseller-Listen erobert und weltweit eine ergebene Schar treuer und begeisterter Leser aufweist.
Wer die Bücher noch nicht kennt, kann eigentlich jedes Buch lesen, ohne das Vorwissen der vorangegangenen Bände zu benötigen, doch wer einmal angefangen hat mit einem der Reacher-Thriller, wird sich ganz schnell die anderen zulegen und dadurch das Vergnügen noch erhöhen, denn in jedem Buch wird ein wenig mehr über den komplexen und hochinteressanten Charakter von Jack Reacher enthüllt.
Anzumerken ist allerdings, dass der vorliegende Band ein langsameres Erzähltempo anschlägt. Diesmal weicht der Autor auch von der klassischen Formel ab - jemand tritt an Reacher mit einem Problem heran und Reacher macht sich daran, es zu lösen. In diesem Buch stolpert der Held nur aus Versehen über ein Verhalten, welches ihm merkwürdig vorkommt und daraus ergibt sich die Handlung.
Die häufigen nächtlichen Erkundungstouren in die Nachbarstadt wiederholen sich und hemmen durch ihre genaue Beschreibung ab und an ein wenig den Lesefluss.
Natürlich gibt es auch die obligatorische, romantische Seitenhandlung - in Person einer örtlichen Polizistin.
Das Buch kann mit einer Menge Nebenhandlungen punkten und vielen kleinen Geheimnissen und Rätseln, welche die Spannung kontinuierlich steigern.
Der Thriller zählt zwar nicht zu den besten der gesamten Reihe, doch ist er keineswegs schlecht zu nennen. Und im Vergleich zu den Büchern anderer Autoren hat er trotzdem die Nase weit vorn.
Auch wenn der Mittelteil diesmal also etwas abfällt, gibt es dennoch genügend Spannung und Action-Szenen in klassischer Reacher-Manier. Dazu gibt es herrlich lakonische Dialoge und Sätze, wie sie nur Jack Reacher von sich geben kann und für die seine Fans ihn lieben.
Auch wenn die Widersacher natürlich etwas blass wirken im Vergleich zu der Urgewalt Reacher, ist dieser Thriller dennoch keine simple Story nach dem ewig gleichen Schema. Lee Child kann dafür viel zu gut erzählen.
Viel zu schnell sind die Seiten durchgelesen und eingefleischten Anhängern von Jack Reacher bleibt nur das Warten auf das nächste Buch. Leser, die zum ersten Mal das Vergnügen hatten dem Ex-Militärpolizisten in einem Buch zu begegnen hingegen, können sich die weiteren Bände der Reihe besorgen und so viele weitere spannende Lesestunden genießen.
Aus der Jack Reacher Reihe sind bislang auf Deutsch erschienen:
01. Größenwahn (1997) (Originaltitel: Killing Floor)
02. Ausgeliefert (1998) (Originaltitel: Die Trying)
03. Sein wahres Gesicht (1999) (Originaltitel: Tripwire)
04. Zeit der Rache (2000) (Originaltitel: The Visitor)
05. In letzter Sekunde (2001) (Originaltitel: Echo Burning)
06. Tödliche Absicht (2002) (Originaltitel: Without Fail)
07. Der Janusmann (2003) (Originaltitel: The Persuader)
08. Die Abschussliste (2004)(Originaltitel: The Enemy)
09. Sniper (2005) (Originaltitel: One Shot)
10. Way Out (2006) (Originaltitel: The Hard Way)
11. Trouble (2007) (Originaltitel: Bad Luck & Trouble)
12. Outlaw (2008) (Originaltitel Nothing to Lose)
Weitere Bände der Reihe sind bereits auf Englisch erschienen:
13. Gone Tomorrow (2009) (noch nicht ins Deutsche übersetzt)
14. 61 Hours (2010) (noch nicht ins Deutsche übersetzt)
15. Worth Dying For (2010) (noch nicht ins Deutsche übersetzt)
16. The Affair (2011) (noch nicht ins Deutsche übersetzt)
Fünf Sterne für ein weiteres gutes Buch aus der Serie um Jack Reacher. Für alle Fans ist zu hoffen, dass die nächsten Bände etwas schneller ins Deutsche übersetzt werden, ansonsten bleibt nur der Verweis auf die englischen Bücher.
Wer Thriller liebt, kommt an Jack Reacher einfach nicht vorbei. Trotz kleinerer Schwächen, was aber eigentlich nur Jammern auf allerhöchstem Niveau ist, sehr zu empfehlen und ein tolles Lesevergnügen.