Manuela Martini ist mit ihrem Werk „Outback. Shane O'Connors erster Fall" ein ganz herausragend spannender Kriminalroman geglückt. Dieses Buch enthält unglaublich viele unerwarteten Wendungen in der Handlung, die die / den LeserIn stets fesseln und gedanklich bereits gefasste Muster über den potentiellen Täter wieder verwerfen lassen. Manuela Martini schildert detailreich und durch offensichtlich ausgiebige Recherche vor Ort im australischen Outback die Verhältnisse in dieser auf den ersten Blick trostlos und menschenleer erscheinenden Einöde. Hinter ihren Schilderungen verbergen sich m.E. aber auch die gleichen Strukturen, wie sie in jedem peripheren Raum der Erde vorzufinden sind: Das Aufeinanderangewiesensein der Menschen, die es in diesen Landstrichen trotz der widrigen Bedingungen aushalten und sich untereinander alle sehr gut kennen - oder zumindest zu kennen glauben... In einer derartigen Region bringt natürlich eine Mordserie einiges durcheinander und ein Fremder, der herbeigerufen wird, um diese Taten aufzuklären, hat sich zunächst intensiv mit diesen gesellschaftlichen Strukturen und dem daraus resultierenden Geflecht von Absprachen untereinander auseinanderzusetzen. All dies schildert Manualea Martini in einer sehr bildhaften Sprache, die die Phantasie anregt und die die / den LeserIn unmittelbar teilhaben läßt am Geschehen.
JedeR, die / der Australien kennt, fühlt sich von vielen Sätzen direkt auf den Fünften Kontinent versetzt, denn überall blickt das exzellente Wissen der Autorin über dieses riesige Land hindurch und für diejenigen, die Australien bisher noch nicht persönlich kennengelernt haben, erschließt sich ein anderer Blick auf diesen Teil der Erde, der in einem Reiseführer in dieser Realitäts- und Alltagstauglichkeit nur schwer vermittelt werden kann.
Beim Lesen dieses Krimis fällt auf, wie sehr sich Frau Martini mit medizinischen Details auskennt. In einer deutlichen, aber nicht abschreckenden Art und Weise schildert sie an manchen Stellen im Zusammenhang mit den aufzuklärenden Verbrechen Dinge über den menschlichen Körper, die gewöhnlich einem Laien nicht bekannt sein dürften . Ganz nebenbei erfährt man auch noch viel Interessantes über die australische Kriminologie.
In einer Zeit, in der sich die AustralierInnen ihres kulturellen Erbes der Aborigines zumindest langsam bewusst werden, stellt Manuela Martinis Roman eine sehr alternative Möglichkeit dar, auf diese zugegebenermaßen heikle Thematik hinzuweisen. Sie droht nicht den weißen AustralierInnen mit erhobenem Zeigefinger und klagt auch nicht direkt an, aber durch Schilderungen von Fakten, die den Hauptverlauf der Aufklärung der rätselhaften Morde in diesem Krimi durchlaufen, vermittelt sie tiefe Einblicke in das Seelenleben der Menschen in „down under" und weckt damit Verständnis für beide Seiten. Manuela Martini wirbt so indirekt mit ihrem Werk für eine Förderung des Dialogs zwischen beiden Gruppen in Australien, auch wenn sie damit ein teilweise sehr heftig diskutiertes Gebiet betritt.
Die Vergangenheitsbewältigung Australiens und seine Ureinwohner sind die thematischen Schwerpunkte dieses Buches und insofern ist es mit Abstand einer der interessantesten und gleichzeitig informativsten Krimis, die ich je gelesen habe. Scheinbar ganz nebenbei gelingt es der Autorin, sich sprachlich in einer hervorragenden Art und Weise auszudrücken und den Spannungsbogen bis zum Ende des Buches beizubehalten.
Insofern ist es mir wirklich ein Anliegen, jedem Menschen, der sich auf eine Reise nach Australien vorbereitet oder sich auch lediglich für dieses Land interessiert, dieses Buch dringend zu empfehlen. Selbst wenn man bloß eine spannungsreiche Lektüre für lange Abende sucht, ist Manuela Martinis „Outback. Shane O'Connors erster Fall" mein ultimativer Tipp!