Wenn er nicht so an seiner Tochter hängen würde, wäre er nie in diese Geschichte hineingestolpert -- aber der Staubsauger-Händler Jim Wormold hängt nun einmal an seiner Tochter Millie, und Millies Geburtstagswünsche sind nun einmal kostspielig. Die Geschäfte gehen schlecht (Wer will schon angesichts eines drohenden Atomkrieges einen Staubsauger namens "Atom" kaufen?), das Spesenkonto für Geheimdienst-Agenten wiederum ist verlockend hoch, und so lässt sich der liebenswürdige, naive Wormold vom britischen Geheimdienst anwerben, der von ihm neue Erkenntnisse über die Lage in seinem Wohnort Kuba erwartet -- es ist die Zeit kurz vor Castros Revolution.
"Why not?", denkt sich der brave Wormold irgendwann und macht sich an den Aufbau eines imaginären Agentennetzes. Er heuert Unteragenten an, die nichts von ihrem Glück ahnen und denen er nach ausgiebigem Studium der lokalen Klatschpresse bemerkenswerte Biographien verleiht. Bald begnügt er sich nicht mehr damit, deren phantasievolle Berichte zusammenzukupfern: Seine in riesengroßem Maßstab vergrößerte Skizze des neusten Staubsauger-Modells "Atom" lässt bei der Zentrale in London die Alarmglocken schrillen (Handelt es sich etwa um eine neue Militärbasis?) und setzt eine Lawine von Ereignissen in Gang, deren Wormold bald nicht mehr Herr wird; seine Phantasie-Geschichten beginnen ein nicht mehr kontrollierbares Eigenleben in der Realität zu führen. Die Gegenspionage tritt auf den Plan, einer seiner imaginären Unteragenten wird ganz real ermordet, ein weiterer Unteragent, der nichts von seiner angeblichen Tätigkeit ahnt, wird angeschossen, und Wormold selbst soll umgebracht werden und vereitelt diesen Plan durch ein Feuerwerk an Slapstick-Szenen. Das aberwitzige Karussell dreht sich immer schneller; sein bester Freund wird erschossen, und Retter in höchster Not ist ausgerechnet der berüchtigte Polizeichef Havannas, der ein Zigarettenetui aus Menschenhaut besitzen soll.
"Our Man in Havana" ist viel mehr als ein witziger Spionage-Roman; hinter der hemmungslos komischen Handlung verbirgt sich eine gepfefferte Satire auf die Praktiken der Geheimdienste aller Länder, auf ihren Zynismus ebenso wie auf ihre Lächerlichkeit. Graham Greene, der selbst lange für den britischen Geheimdienst gearbeitet hatte, kannte sein Thema ganz offensichtlich.
Neben der buchstäblich phantastischen Grundidee, Greenes geschliffenem Stil und der ungezügelten Situationskomik überzeugen bei diesem Roman auch sein stimmiges Lokalkolorit und die plastisch gestalteten Protagonisten, die alles andere als auswechselbare Schablonen sind. Haupt- und Nebenfiguren tragen eine dichtgewebte Biographie mit sich herum, die Guten sind keine reinen Engel und die Bösen keine reinen Teufel -- und nicht nur beim Geheimdienst ist nicht alles so, wie es scheint.
Der Roman hat nur ein (winzig kleines) Manko: Die zweite Hälfte des allerletzten Kapitels. Also wirklich nur ein minimales Manko...
Wer "Our Man in Havana" gelesen hat, wird fortan seinen Staubsauger mit anderen Augen betrachten...
Übrigens: Es gibt einen neuen Verdächtigen in Sachen "Wer war Greenes Vorbild für die Figur des Jim Wormold?" -- laut Ian Thomson von "The Times Literary Supplement" war's Peter Edmund James Leslie, der 1931 zum britischen Vizekonsul im estnischen Tallinn ernannt worden war. Leslies ungewöhnlicher Lebenslauf soll Greene sogar zu einer im Estland der Zwischenkriegszeit angesiedelten Spionagefilm-Parodie um einen vorgeblichen Nähmaschinen-Vertreter angeregt haben. Der Plan zerschlug sich aus verschiedenen Gründen, und Jahre später transponierte er die Handlung ins Kuba der Vor-Castro-Ära... Das aber nur der Vollständigkeit halber.