Tracy Chapman singt wieder für uns, so zumindest laut des ersten Titels ihres neuen Albums, und mein erster Gedanke war: wie schön, ihre Stimme wieder zu hören! Wonach mir auffiel, dass die Arrangements diesmal wieder durchweg fluffiger, luftiger klingen als die Songs der doch eher düsteren, in sich gekehrten Vorgängeralben "Where You Live" (2005) und "Let It Rain" (2002). Dabei stechen besonders "I Did It All" (mit Klarinette! - klingt nach Cabaret) und "Save Us All" (mit Bibelzitaten! - klingt nach Country) heraus, was im Kontext von Chapmans Back-Katalog doch etwas Besonderes ist. Die restlichen Songs konzentrieren sich wie gewohnt auf den Einsatz akustischer Instrumente, in deren Mitte die nach wie vor eindrucksvolle Stimme "thront". Dabei beschwört Tracy Chapman keine Revolution mehr herauf, stattdessen kommentiert sie, was sie erlebt - von Familientragödien ("For A Dream") über den allgemeinen Zustand der Welt ("Our Bright Future", die schon längst hinter uns liegt, "The First Person On Earth", die dem letzten Menschen gegenübergestellt wird), Hoffnungen auf eine bessere Welt ("Something To See") bis zu Zwischenmenschlichem ("Conditional", "Thinking Of You"). Der Grundton all ihrer Texte ist dabei so negativ, dass ich fast einen Stern von der Bewertung abgezogen hätte, vom ewigen Lamentieren wird nämlich auch nix besser, aber dann dachte ich: Wenn sie das Leben so sieht, soll sie entsprechend drüber singen. Ich hab zum Glück ein bisschen mehr Spaß.
20 Jahre nach ihrem Debüt hat sich natürlich vieles verändert, daher verlange ich auch gar nicht, dass sie noch so klingt wie 1988 - womit sie aber immer wieder verglichen wird. Ich freue mich stattdessen, wenn mir beim Anhören manchmal "A New Beginning" (1995) oder "Crossroads" (1989) herüberleuchten. Denn was für mich am meisten zählt: Tracy singt immer noch für uns, und so lange sie dabei so schöne Songs abliefert (ich habe keinen gefunden, der Skippen nötig machen würde) und zum Nachdenken anregt, geb ich ihr die 5 Sterne.
Manche lassen sich von Timbaland oder einem Starvisagisten aufmotzen, jodeln von Karussellpferdchen herunter oder schlagen auf der Bühne Räder. Tracy Chapman macht das, was sie immer gemacht hat. Und das kann sie nach wie vor. Reicht mir vollkommen.