Was eine Biographie ist und was sie sein soll, das kann man hier und da lesen. Hier, in diesem Werk aber
sind zwei Menschen am Wirken, die eine Arbeit unternommen haben, die sich über eine gewisse Zeit,
eine lange Zeit hinstreckt. Und der hier Beschriebene, Otto von Habsburg nämlich, mag mitgeholfen haben,
so scheint es manchmal. -
Das wäre legitim, um nicht zu sagen wünschenswert gewesen. Gut, so sei es, wie es will, und das auch nur
zum Anfang meiner Rezension und zum besseren Verständnis dessen, was geboten wird.
Es wird in einigen Jahren, genauer im Jahr 2014 wieder viel und ausführlich über den Beginn des ersten
Weltkrieges geredet, gesendet und geschrieben werden und somit ist es fast unerlässlich, dass man/frau
dieses Buch hier liest. -
Kann man/frau sich Österreich zur Zeit Bismarcks, also nach dem kurzen aber heftigen deutsch-österreichischen
Krieg, als Beute Deutschlands vorstellen?
Gewiss hätte es so kommen können, denn der deutsche (preussische) Sieg war überzeugend (auch wegen der
neueren Waffentechnik !). Man hat sich aber arrangiert und eine Art unverbrüchliche Freundschaft gestartet
gegen mögliche und kommende Feinde.
Das muss man sich immer vor Augen halten, die Feinde, also Krieg hatte man immer vor Augen, bewusst.
Dann der Beginn des 1. Weltkrieges, der alles schon früher Wackelnde im "Donaubecken" (!)zum Einsturz brachte.
Was hätte rechtzeitig dagegen geholfen, eine konstitutionelle Monarchie vielleicht nach englischem Muster?
Und hätte man nach Kaiser Joseph II, dem Sohn Maria Theresias, eventuell eine andere Gangart einnehmen sollen?
Mit Metternich, nach dem gemeinsamen Sieg gegen Napoleon I, wurde auch das Haus Habsburg wieder machtbewusst,
kam es nicht zu einem wünschenwerten Ausgleich zwischen Volk und Kaiser, zwischen Volk und Adel und die gewohnte
Übernahme von kirchlicher, von katholischer Macht-und Kraftentfaltung gegenüber dem Volk griff wieder. -
Und dann später nach dem ersten Weltkrieg das Chaos, das den Deutschtümelnden, den Aufbegehrenden, vor allem den
zu kurz Gekommenen die Möglichkeiten erst einräumte, sich zu entfalten. Wir wissen es und haben es erfahren und
leiden heute noch darunter. -
Und nun dieses Buch, das, kurz gesagt, "zu Munde" reden könnte, wie man so schön sagt und auch meinen könnte, das
trotzdem in seinen Zeilen und zwischen ihnen und vor allem in den abgedruckten Briefen das enthält, was heute wichtig
ist zu wissen:
hier war einer, der stemmte sich gegen das entstehende größtmögliche Risiko, um nicht den Ausdruck "das Böse"
zu gebrauchen. Aber wir wissen nicht, wie wir an dieser und jener Stelle damals gehandelt und gedacht hätten.
Jedem, aber auch jedem, also auch Otto von Habsburg, allen also, auch einem einfachen Landwirt in Franken, wie
meinem lieben Schwiegervater damals, sei heute noch gedankt, dass sie Unheilvolles nämlich und kein "Heil" (!)
vorausgesehen haben, das dann wirklich kommen musste, wie es kam.- Nur, es hatte nichts genutzt.
Wie sagen wir es unseren Kindern, was geschehen ist? In den geschriebenen Zeugnissen wie diesen und immer wieder
darüber sprechen, das ist wichtig.-
Allein in den veröffentlichten Briefen zwischen Otto von Habsburg und dem österreichischen Kanzler Schuschnik
kurz vor dem deutschen Einmarsch in Österreich unterstreichen den fast naiven Wagemut Ottos und die klare Sicht
des Kanzlers. Wieder einmal wurde ein quasi aussichtsloser Plan entworfen und dann zur Seite gelegt, wie wahrscheinlich
Jahrzehnte oder Jahrhunderte zuvor auch, denn ein langsames Vergehen von Macht ist nicht irgendwie zufällig.
Vielleicht hätte man doch nicht so intensiv auf eine katholische Karte setzen sollen unter allem wohlwollenden
Vorbehalt. Es ist ja sowieso eigenartig, Otto von Habsburg, der die Realität so hart am eigenen Leib erfahren hat,
er lebte ganz bewusst ein hochromantisches Leben, als tragischer Held sozusagen, doch immer voller Wagnis bis ins
hohe Alter sich kümmernd um Volk, Haus und Familie neben der Arbeit für Europa (hochromantisch schon allein deshalb,
weil er einen Vater hat, der nunmehr im Gebet angerufen werden kann, wer hat das schon!). -
Ottos Vater, Kaiser Karl und seiner mutigen Frau, einer übrigens faszinierenden früheren Schönheit, lagen es am Herzen,
einiges wieder gutzumachen, was, wie es unlängst ein Rezensent einer Tageszeitung schrieb, im Bund mit dem Papsttum
nicht immer gerade eine glückliche Hand bewies (Feuilleton, Frankfurter Allgemeine Zeitung,"Ein bisserl Absolutismus
wagen" vom Samstag, 16.Juli 2011). Der Rezensent drückt sich dabei sehr drastisch aus, was ich nicht wiederholen möchte.
Deswegen wäre es meiner Meinung nach klüger gewesen, nicht auf eine Seligsprechung von Kaiser Karl zu spekulieren, denn
hier scheint mir das Risiko ebenfalls etwas zu hoch gewesen zu sein. Jedoch es stört mich nur einwenig. Meine von
Jugend auf gefühlte oder besser gesagt, von mir geförderte Preussen-Liebe jedoch habe ich schon eine Zeit lang an das
echte Deutschtum abgegeben, es befindet sich im Herzen Österreichs, in der Liebe zum Erreichten, in unserer schönen Kultur
und in unserem Miteinander.
Otto von Habsburg war ein guter Deutscher.