Bereits seit einiger Zeit erlebt - glücklicherweise - ein ausgesprochen leserfreundlicher Trend in der Geschichtswissenschaft seine renaissance: Biographien sind zunehmend wieder "en vogue". Geschichte wird somit, trotz Stirnrunzeln in der Gilde der Anhänger der Strukturgeschichte, auch für den historisch interessierten Laien wieder greifbarer, bei manchen Personen und deren Betrachtung sogar richtiggehend spannend. In der lebensbeschreibung Theo Schwarzmüllers über den ersten deutschen Bundes- und reichskanzler (jawohl: er war auch der erste Bundes-Kanzler, allerdings des "Norddeutschen Bundes" [1866-1870]!)nun treffen zwei Faktorenaufeinander und ergänzen sich in nahezu idealer Weise. Da ist zum einen der im Mittelpunkt stehende Mensch, den es vorzustellen gilt,dessen Namen in unserem fall jeder schon einmal begegnet sein dürfte un der per se Interesse weckt: Otto von Bismarck, der Reichsgründer des zweiten deutschen Kaiserreichs. Zum anderen gelang es Dr. Theo Schwarzmüller, der vor wenigen Jahren mit seiner Biograhie über den in der Großelterngeneration überaus populären (und heute wegen seiner Affinität zum NS-Regime nicht unumstrittenen) Feldmarschall von Mackensen auch außerhalb der Historikerzunft Aufsehen erregte, ein Portrait des "eisernen Kanzlers" zu entwickeln, das sich lohnt, unter den bevorstehenden weihnachtlichen Gabentisch gelegt zu werden. Schwarzmüller glückte ein Buch, das hervorragend zu dem (be-) herrschenden Zeitgeist der Schnellebigkeit und des Zappens paßt, mag man dazu stehen, wie man will, aber es ist nun einmal so. Dahinter steckt indes keine Kritik, im Gegenteil. Dem Autor gelingt es durch eine abwechslungsreiche Kombination von flüsseig-flottem Text, sehr vielen, auch farbigen und von einer gewissen ironischen Rafinesse zeugenden Bildern und mittels unterlegter Kästchen optisch hervorgehobenen und somit augenfreundlich aufbereiteten Zusatzinformationen, den Leser beispielsweise durch den Filz der Bündnissysteme zu lotsen und so im wahrsten Sinn des Wortes bei Laune zu halten, denn wie schon ein bedeutender deutscher Dichter sagte: Bücher sollen informieren, sie solle aber vor allem eines: unterhalten! Dazu trägt vor allem bei, daß uns Bismarck nicht nur als der je nach Standpunkt entweder verteufelte Machtmensch oder Macchiavellist oder, so der Gegenpol, als sakrosanktes nationales Symbol vorgestellt wird - wiewohl der Politiker selbstverständlich im Vordergrund steht -,sondern auch die Einblicke in sein Privatleben als Ehemann oder "verkrachter Regierungsreferendar". Schwarzmüllers "Bismarck" ist nicht das große wissenschaftliche Opus, von denen es gerade im gedenkjahr 1998 zu seinem 100.Todestag ohnehin manch lesenswertes gibt, aber das will es auch gar nicht sein. Das, was wir hier über sein politisches Denken und seine Diplomatie, über den Zusammenhang der drei Einigungskriege von 1864, 1866 und 1870/71, über den "Kulturkampf" gegen die katholische Kirche sowie über sein Bestreben, die "Socialdemokratie" mittels "Sozialistengesetze" und Sozialversicherung in die Schranken zu weisen, erfahren, ist für eine erste, und dabei fundierte Begegnung mit dieser "denkbar interessantesten Figur" (Theodor Fontane) vollkommen ausreichend. Schwarzmüller selbst berichtet über ihn aus einer Position "wohlwollender Neutralität" heraus, wahrt Distanz und Objektivität, kritisiert ohne zu kritteln. Ohne in Oberflächlichkeiten zu verfallen wird insgesamt ein knappes und zutreffendes Bild vermittelt, das sich einerseits auf das Wesentliche konzentriert, andererseits Einzelheiten nicht untergehen läßt und das dennoch historiographischen Ansprüchen genügt - was vor allem die studiosae und studiosi unter der Leserschaft erfreuen dürfte: komprimiert und trotzdem übersichtlich, informativ-prägnant, aber dennoch nicht überladen; das, was man gelesen hat, bleibt größtenteils auch "hängen". Was will man mehr?