Schauspieler zu haben, die eine schöne Stimme haben, ist das eine, Otto Sander gehört zweifellos dazu. Seine Stimme ist dunkel, sein Tonus ruhig. Ich könnte mir vorstellen, dass er geeignet wäre, etwa den "Herbsttag" von Rilke vorzutragen, käme es aber zum "Panther" wäre er gänzlich ungeeignet, da gingen Klaus Kinski oder Udo Lindenberg (der tatsächlich dieses Gedicht hervorragend gesungen hat).
Mit Freude habe ich gesehen, dass einige Texte aus Montaignes Essais als Hör-CD erhältlich sind, und kaufte sie einem Freund, den ich dafür gewinnen wollte. Als ich sie vor der Übergabe begutachtete, gelang es mir nicht einmal, das erste Stück "Über die Erfahrung" fertig zu hören. Otto Sanders Stimme schläfert ein, er liest in einem gleichmässig ruhigen Ton ohne Intonation, die Sätze Montaignes dagegen sind atemlos, mäandrierend, aufmüpfig. Durch alles hindurch zeigt er anhand von sich, welcher Dummheit er und die Menschheit noch mehr verfallen ist. Da ist viel Witz und Sarkasmus dabei, Erregung bis hin zum Zorn. Nichts von alldem erscheint in Otto Sanders Darbietung, die weder Darstellung noch Interpretation genannt werden kann. Es müsste dafür ein Erzähler aus Natur ausgewählt werden, ein Abenteurer, ein Lebemann, ein witziger und scharfer Geist, vom Naturell eines Dürrenmatt, die nicht in erster Linie durch eine schöne, dunkle, männliche Stimem glänzen, sondern durch ihren revolutionären Geist. Solche Leute müsste es doch auch heutzutage geben!