Als erstes eine Klarstellung: Otherland ist nicht der neue „Der Herr der Ringe". Otherland ist nämlich a) kein reines Fantasy-Produkt, b) spielt nicht in einer mit unglaublicher Akribie bis ins kleinste Detail erstellten Welt und c) reicht sprachlich und von der Spannung her nicht an Tolkiens Hauptwerk heran. Leider lernen die Herausgeber scheinbar nichts dazu und müssen bei jedem zweiten Buch, das eine fantastische Geschichte erzählt, diesen Vergleich heranziehen. Schade eigentlich: Man wirbt doch auch nicht für ein Deo indem man es mit einem Anti-Schuppen-Shampoo vergleicht.
Damit aber zu Otherland und dem Kernpunkt dieser Rezension. Die Story ist schwer zusammen zu fassen und deshalb will ich mich damit auch gar nicht aufhalten. Dies führt mich aber gleich zu einer Warnung: Es ist wegen der vielen Handlungsstränge nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Ich musste aus Zeitgründen die vier Bände über mehrere Monate hinweg lesen. Deshalb geriet ich ab und zu ins Stocken wenn die Handlungsebene mal wieder wechselte, weil ich nicht mehr genau wusste, was den Personen im aktuellen Erzählstrang zuletzt widerfahren war.
Zu den Bänden im Einzelnen:
Band 1(Meine Wertung 4 Sterne): Ein Einstieg, der Spaß macht. Die Figuren werden sehr ausführlich vorgestellt, erhalten eine glaubhafte Vorgeschichte und agieren jede mit sehr eigenem Charakter, was auch in den Folgebänden beibehalten wird. Der Band ist vom Anfang bis zum Schluss spannend und es stört auch kaum, dass am Ende so gut wie keines der bisher aufgebauten Rätsel gelöst wird, denn man weiß ja es gibt noch Folgebände.
Band 2 (Meine Wertung 2 Sterne): Die Charaktere sind vorgestellt, die wichtigsten von ihnen stecken in den Cyberwelten von Otherland fest und jetzt könnte die Geschichte in Fahrt kommen. Tut sie aber leider nicht in diesem insgesamt schwächsten Band der Reihe. Tad Williams führt noch ein paar zusätzliche Handlungsstränge und Personen ein (es wird noch ein wenig schwerer den Überblick zu behalten) und ansonsten kämpfen sich seine Protagonisten in kleine Gruppen getrennt durch die verschiedenen Welten von Otherland. Es passiert zwar einiges, aber die Handlung kommt nicht wirklich vorwärts und deshalb zieht sich das Buch stellenweise wie Kaugummi. Dem Band fehlt ein Spannungsbogen und folglich auch jeder Höhepunkt. Sorry, aber dieser Band ist einfach 400 Seiten zu lang und am Ende fragt man sich, ob man Band 3 überhaupt noch anfangen soll.
Band 3 (Meine Wertung 5 Sterne): Wenn man sich dazu durchringt weiter zu lesen, wird man in diesem Band glücklicherweise belohnt. Die Geschichte gewinnt wieder an Schwung und steuert einem großen Höhepunkt entgegen. Langsam lösen sich auch die ersten Rätsel. Insgesamt der beste Band der Reihe, der mit einem spannenden und intensiven Schluss aufwartet, den andere Autoren bestimmt genutzt hätten, um die Geschichte zu Ende zu bringen. Nicht so Tad Williams, und es bleibt am Ende die Frage, ob er sich in Band vier noch steigern kann.
Band 4 (Meine Wertung 3 Sterne): Kann er leider nicht. Zwar bleibt die Geschichte spannend und Williams schafft es auf unvergleichliche Art die Unzahl von Handlungsfäden zusammen zu führen, alle Rätsel zu lösen und zu einem befriedigenden Ende zu kommen, aber insgesamt hat man hier tausend Seiten vor sich, die nur sehr selten an Band 3 heranreichen. Zwar gibt es einige Glanzpunkte, aber Williams hat den Großteil seiner Munition verschossen. Völlig unspektakulär und ein wenig an den Haaren herbeigezogen erscheint dann auch der Abgang des Oberschurken „Dread" und als danach noch einmal fast 200 Seiten Ausklang mit Rätsellösungen und Erklärungen anstehen, kann der Leser nur zu gut mit den Protagonisten mitempfinden, die sich immer wieder über Verzögerungen und endlose Palaver aufregen.
Zusammenfassung: Williams hat eine tolle Idee für eine Cyber-Fantasy-Geschichte. Er entwirft zahllose Handlungsebenen, die er geschickt und ohne Widersprüche miteinander verknüpft und am Ende zusammenführt, und verliert dabei fast nie den Überblick. Seine Charaktere sind meisterlich konstruiert, sie erhalten eine glaubhafte Vorgeschichte, und sehr eigene und stringente Charaktereigenschaften und sind vielleicht ein klein wenig zu sehr in Gut und Böse unterteilt (Die einzige Ausnahme ist hierbei der undurchsichtige Kunohara.). So weit so gut. Aber Williams, der mit „Der Drachenbeinthron" gezeigt hat, dass er riesige Plots beherrscht, übernimmt sich dieses Mal. Zu oft kommt die Handlung ins Stocken und wird langatmig, um nicht zu sagen langweilig. Im zweiten Band wird einem der Spaß am Lesen genommen, im dritten wieder aufgebaut und der vierte Band dümpelt dann leider nur noch im Kielwasser von Band drei vor sich hin. Auch wenn ich dicke Schmöker mag, wäre hier weniger mehr gewesen, auf drei Bände gekürzt, hätte Otherland sicher richtig Spaß gemacht. So aber kann ich dem Gesamtwerk nur drei Sterne geben.