Nachdem Band 1 und 2, für meinen Geschmack so seine Längen und Schwächen hatte, weil die Hauptfiguren zumeist völlig plan- und ahnungslos von einer Welt in die nächste taumelten, kommt die Handlung ab Band 3 endlich in Fahrt und gewinnt an Substanz. So langsam wird dem Leser/der Leserin und den Protagonisten klar, worum es eigentlich geht, Ziele und sich aufbauende Konflikte werden klarer und das gibt der Handlung endlich auch die richtige Spannung. Ohne an dieser Stelle auch nur den Versuch einer Inhaltsangabe machen zu wollen, sei positiv erwähnt, dass mir vor allem sehr gefiel, wie Williams die Geschichte der Figur Olga Pierofsky" weiterentwickelt und diesen Charakter von einer Randfigur in Band 1 und 2 im 4. Teil zu einer Hauptfigur macht und den für mich packensten und rührendsten Handlungsstrang entwickelt. Auch die Frage, wer Paul Jonas" eigentlich wirklich ist und wie er in das Netzwerk gelangte gehört zu den interessantesten Teilen des Buches.
Während Williams in Band 1 und 2 für meinen Geschmack viel zu viel bei diversen Klassikern und Werken der phantastischen Literatur (von Tolkien bis Simmons) klaut und abkupfert und die Handlung nur sehr zäh weiterentwickelt, besinnt er sich nun auf seine eigenen Stärken und Ideen und gestaltet seinen Plot abwechslungsreich, phantasievoll und spannend und vor allem (und darum bekommt er von mir für Teil 3 und 4 auch 5 Sterne) hat er nicht nur Renie und ihre Gefährten, sondern auch mich in Otherland eingefangen und nicht mehr losgelassen!
Ich hatte zwischen Band 3 und 4 eine Otherland-Pause" eingelegt und als ich nach ca. 2 Monaten Band 4 zur Hand nahm, hatte Williams mich direkt auf den ersten Seiten wieder eingefangen. Es war kein Problem wieder in die Handlung reinzukommen und in die Welt von Otherland einzutauchen. Sofort spürte ich wieder diese kaum zu beschreibende Grundstimmung", die das Buch durchzieht - und ein Autor, der das schafft, hat einfach 5 Sterne verdient.
Schließlich noch ein Kritikpunkt (die, die nicht wissen wollen, wie's ausgeht, sollten jetzt nicht weiterlesen):
Auch wenn Williams dem Ganzen einen durchaus würdigen Abschluss verpasst, ist mir das Ende einfach ein wenig zu glatt. Alles geht zu gut aus und löst sich in Friede, Freude und Eierkuchen auf. Alle werden stinkreich, Renie und !Xabbu werden natürlich ein glückliches Paar, Long Joseph entsagt dem Alkohol, Stephen erwacht aus dem Koma, Herr Sellars wird gottgleicher Herrscher über Otherland, Martine findet ihr Augenlicht und eine neue Bestimmung, die Polizistin überlebt den tödlichen Angriff von John Dread, der auf ewig in der virtuellen Hölle schmort und selbst die Totgeglaubten" Orlando Gardiner und Paul Jonas erwachen, wenn auch eingeschränkt" wieder zum Leben - naja, für meinen Geschmack bei so viel Gefahr, Risiko und mehreren tausend Seiten einfach zu happy end.