Otherland ist für mich eine der schönsten und verstörendsten Serien die ich seit langem gelesen haben.
Rein genretechnisch könnte man Otherland als Mix aus SF und Fantasy bezeichnen. Es ist nicht klassischer SF da die Technik eher erzählerisch und nicht physikalisch ausführlich dargestellt wird. So werden zum Beispiel die Funktionsweise und unterschiedlichen Feinheiten zwischen Hightech- und Billigausführung eher auf Benutzerebene erklärt. Fantasyelemente sind zum Beispiel mit der Einarbeitung von der Artussage, "Herr der Ringe", "Alice im Wunderland" und der "Zauberer von Oz" enthalten. Diese spielen nicht nur eine tatsächliche Rolle in der Geschichte sondern sind auch auf der Metaebene die Grundlage der Geschichte. Der Kampf gegen das Böse, die Queste, der Gral und nach Hause finden...
"Worser and worser" wie ein Charakter frei nach Alice ("curiouser and curiouser") einmal so nett sagt. Einer der Hauptantagonisten und einige andere Wesen haben Fähigkeiten die eher aus der Fantasywelt entstammen, auch wenn diese technisch "genutzt" werden.
Und nun zum verstörenden Part: verstörend im Sinne, dass die Geschichte sehr stark zum Nachdenken anregt. Wohin gehen wir? Wir - die Menschheit. Die sogenannten "Netfeed/News" sind wie eine weitergedachte Darstellung der Medienwelt heute. Wenn man die Entwicklung beobachtet die sich im Trash-TV durchsetzt muß man sagen, dass sich Tad Williams noch als tragischer Prophet rausstellen könnte. Diese kleinen Sequenzen die jedes Kapitel einleiten sind wie ein deprimierender Einblick in den Untergang der menschlichen Kultur. Einerseits handelt es sich um Promos für Shows in denen Lehrer ermordert werden, Sitcoms über Selbstmord, Nachrichten von Prozessen bezüglich der Meinungsfreiheit und wie die Konzerne Politik und Menschen beherrschen. Am Anfang habe ich diesen Medienschnipseln noch nicht soviel Aufmerksamkeit geschenkt da sie keinen Sinn ergaben, aber schon bald waren sie für mich in Summe die Information, die Welt außerhalb der Hauptgeschichte lebendig gemacht und erklärt hat in was für einer Gesellschaft die Menschen in ca. 100 Jahren (der erste Band kam 1996 raus) leben.
Zu den Charakteren möchte ich noch folgendes sagen: durch die langen Reisen und Abschnitte für die verschiedenen Gruppen können die Hintergründe von allen wichtigen Figuren und ihre Entwicklungen gut verfolgt werden. So gelingt es dem Autor, dass man praktisch zu allen ein Bindung aufbauen kann bzw. sie ablehnt oder sogar fürchtet.
Obwohl es mehrere Antagonisten gibt, wovon mindestens einer ein ausgemachter Psychopath ist, ist doch kein einziger Hauptcharakter nur schwarz-weiß gezeichnet. So gelingt es Tad Williams auch mehrmals die wahren Einstellungen einer seiner Figuren zu verschleiern und man ist ständig auf der Suche nach Verrätern.
Äußerlichkeiten werden übrigens meistens nicht so ausführlich beschrieben, da diese sich jedoch ändern können spielt das nicht so eine große Rolle. Auch wenn man manchmal das Gefühl hat, dass sich gewissen Reisen etwas ziehen so ist das auch gleichzeit so, dass sich dadurch auch Spannung aufbaut und man den Luxus hat durch die Ausführlichkeit in die Welt zu versinken. Was auch zur Authenzität der Geschichte beigetragen hat war beispielsweise der Slang der Jugendlichen (chizz, sixed und squeezers um nur einige zu nennen). Da kann ich nur empfehlen, wenn es irgendwie geht, zur Originalfassung zu greifen.
Insgesamt hat Tad Williams eine Welt geschaffen auf die wir vielleicht langsam zusteuern. Auch wenn immer wieder versöhnliche Momente vorkommen so handelt es sich doch um eine deprimierende Anti-Utopie. Für seine Gesellschaftskritik wie die Sinnlosigkeit von Kriegen, die Macht der Medien, Hoffnungslosigkeit in der Armut und eine Oligarchie der Reichen mußte er leider weniger Phantasie aufwenden als einem lieb sein kann.
Zur Kindle-Version: ich habe die Bände 2-4 am Kindle gelesen (sehr angenehmen, da man nicht so ein dickes Buch in der Hand hat) aber leider sind dort gelegentlich kleine Fehler. So ist etwa ein Buchstabe falsch ist oder ein paar Worte sind doppelt. Auf die Seitenanzahl gesehen waren es nicht viele jedoch kommt soetwas bei gedruckten Büchern praktisch nicht vor. Da müssen die e-book-Verlage noch nachbessern.