Der Titel des Buchs - The Other Wind - spielt auf eine Liedzeile aus einem anderen Erdsee-Roman an, nämlich Tehanu. Tehanu hat vielen Fans der Serie nicht gefallen, weil es da hauptsächlich um Frauen geht, die Obstbäume pflanzen und Ziegen hüten, aber es war immer eins meiner Lieblingsbücher, weil es unter der Oberfläche die ganze Zeit um Drachen geht. Am Anfang und am Ende taucht ein leibhaftiger Drache auf, und dazwischen ist die Rede von einer Fischerin, die ein Drache ist, von einem Fächer, dessen eine Seite Drachen und dessen andere Seite Menschen zeigt, und man kann ihn gegen das Licht halten und beide Bilder übereinander sehen... Es geht also um die Verwandtschaft zwischen Menschen und Drachen. Wie ein Mensch ein Drache werden kann, schildert die Geschichte Irian in Tales From Earthsea. Wenn also als nächstes ein Buch namens The Other Wind erscheint, in dem Irian und Tehanu, eine andere menschliche Drachenverwandte, auftreten, kann man phantastische, neue Schilderungen von Drachen erwarten. Oder?
Nun, leider erfährt man nichts dergleichen. Daß Irian ein Drache ist, wird aus ihrem Auftreten an keiner Stelle deutlich. Über das Leben der Drachen erfahren wir auch nicht viel mehr. Es gibt auch nicht wirklich eine Handlung - es gibt ein Problem, das die Toten betrifft, und um es zu lösen, treffen sich verschiedene Leute am Hof des Königs. Sie reden miteinander, aber kurz bevor Irian verrät, was die Ursache des Problems ist, beschließen sie, nach Roke, auf die Magierinsel zu fahren. Dort führen sie ihr Gespräch fort, die Ursache des Problems wird mühelos identifiziert und ebenso mühelos beseitigt. Es wird nicht ganz klar, warum man dazu nach Roke fahren muß.
Es gibt keinen Konflikt zwischen den handelnden Personen, alle sind sehr höflich und entgegenkommend, auch die Magier, obwohl die Grundlagen ihrer Existenz erschüttert werden. Immer wenn eine schwierige Frage im Raum steht, findet sich zum Glück sofort jemand, in dessen Volk oder in dessen Schriften es noch eine Überlieferung gibt, die diese Frage beantwortet. Ursula le Guin hatte mit diesem Buch offensichtlich zwei Dinge vor: das Jenseitskonzept von Erdsee zu ändern bzw. eine Aussage gegen ein individuelles Fortleben nach dem Tod zu machen, und nette Alltagsszenen zu schildern. Beides hat sie getan. Aber das genügt nicht.