Der Filmanfang nimmt bereits das Ende vorweg: Das Gesicht des toten Othello ist in Großaufnahme zu sehen. Die Särge Othellos und Desdemonas werden langsam Richtung Meer getragen. Jago wird in einem Käfig die Mauer hochgezogen. Zeitweise scheint der Zuschauer seine Perspektive einzunehmen. In gerade mal 90 Minuten wird die Tragödie des Mohrs von Venedig erzählt. Obwohl der Film in den USA und Kontinentaleuropa überwiegend gute Kritiken erhielt, wurde der Film in Shakespeares Heimat fast einhellig verrissen, er sei nicht originalgetreu genug, biete keine guten Darstellerleistungen, biete zu viel Raum für Kameramätzchen. Hm. Als Jahre später Laurence Olivier seine Othello-Adaption herausbrachte, verstummten die Angriffe auf Welles. Olivier mag zwar der bessere Schauspieler sein, einen besseren Film konnte er aber deshalb nicht inszenieren.
Warum fasziniert dieser Film auch nach über 50 Jahren noch? Als erstes möchte ich die ungewöhnliche Kameraarbeit von Anchise Brizzi und den Schnitt hervorheben. Es gibt kaum längere Einstellungen. Dies war zwar auch den Produktionsbedingungen geschuldet, da nicht immer alle Darsteller am selben Ort waren, er zeigt aber auch Welles` Stilwillen. Architektur und Landschaft werden quasi als Darsteller verpflichtet. Eine portugiesische Festung aus dem 16. Jahrhundert, die Welles in Marokko entdeckt hatte, wird ebenso in Szene gesetzt wie die Steilküste, die fast sinnbildlich die Abgründe der Figuren zeigt. Othello wird in anscheinend immer enger werdenden Räumen gezeigt, Spiegel sind blind oder verzerrt. Dagegen mögen die Darstellerleistungen Welles` (als Othello) und Suzanne Clautiers, die als Desdemona etwas, ähem, "blass" bleibt, wirklich zurücktreten. Lediglich Michaél MacLiammóir (ein guter Freund Welles`, was man im Film nie merkt) als Jago gibt eine geradezu diabolische Vorstellung. Jago gehört ja auch zu den abgründigsten Schurken Shakespeares, da seine Bosheit so motiv- und seine Opfer so hilflos sind. Komplettiert wird der ästhetische Genuss durch die pathetische Musik Francesco Lavaginos, die das Unheil atmosphärisch ankündigt.
Für Welles-Liebhaber ergeben sich zudem Querverweise zu anderen Werken wie "Citizen Kane" und "Mr. Arkadin", in denen der Tod der Hauptperson vorweggenommen wird, um im Nachhinein die Gründe ihres Scheiterns zu zeigen. Wie in "The Magnificent Ambersons" erobert Othello seine Angebetete, indem er sie auf den Balkon lockt, hier sogar mit Erfolg.
Eine irgendwie geartete Auseinandersetzung mit Othellos kultureller oder ethnischer Identität war mit Sicherheit nicht beabsichtigt. Das dunkle Make-up erscheint zum Ende des Films immer heller. Eine Gemeinsamkeit mit Othello könnte Welles vielleicht in der Außenseiterposition gesehen haben, so wie Othello konnte Welles durch große Leistungen auf sich aufmerksam machen und indem er die "Tochter eines Fürsten" heiratete (Othello war Welles` erster Film nach seiner Scheidung von Rita Hayworth).
Der Film erhielt 1952 die Goldene Palme des Filmfests von Cannes. Von nachträglichen Verstümmelungen des Films ist mir nichts bekannt. Anscheinend ist die vorliegende Fassung genau die, die Welles intendiert hatte.
Warum also nur vier Sterne? Die vorliegende Edition präsentiert NICHT das restaurierte Bild. Die Dropouts stören doch etwas die strenge Schwarz-Weiß-Komposition. Zudem liegen keinerlei Untertitel oder Extras vor.