"Ostseeküste 1933-1945" ist nach seinen bisher erschienenen Vorgängern, "Berlin" (2004), "München", "Obersalzberg" (2005) und "Dresden" (2008) nunmehr der fünfte "historische Reiseführer", der das (bauliche) Vermächtnis der NS-Terrorherrschaft zum Thema hat.
Das handliche, in jede Gesäßtasche passende, Büchlein (23,2 x 10,6 x 1 cm) ist in drei Hauptkapitel gegliedert. Jedem dieser Kapitel ist eine Farbe zugeteilt: "Westliche Ostseeküste" (blau), "Mecklenburger Bucht" (rot) und "Östliche Ostseeküste" (grün). Die jeweilige Farbe dient nicht nur den Überschriften innerhalb eines Kapitels, sondern auch der Unterlegung spezieller Essays und der Seitenzahlen an der rechten oberen Ecke. Die Kapitel sind daher auch am geschlossenen Buch auf einer Fläche von 0,8 x 1 cm erkennbar. In dem ausklappbaren, alphabetischen Register am Anfang und Ende des Buches sind die einzelnen Örtlichkeiten und Bauwerke in der jeweiligen "Kapitelfarbe" gedruckt.
Beim Ausklappen der Register kommt vorne eine dreiseitige Karte "Westliche Ostseeküste" (mit Lageplänen der Städte Flensburg, Kiel und Lübeck) und hinten "Mecklenburger Bucht" (zweiseitig mit Rostock) und "Östliche Ostseeküste" (mit Stralsund) zum Vorschein. Auch hier sind die nummerierten Objekte ihrer Kapitelfarbe eingezeichnet. Zu jedem Ortseintrag gehört neben seiner Nummer in der Karte mit dem Namen von Gebäude/Ort auch ein Eintrag über Architekt/Planungsbehörde, Bau/Nutzungsjahr, Adresse und ggf. Öffnungszeiten.
Das erste Kapitel "Westliche Ostseeküste" bietet 52, in der "alten Bundesrepublik" gelegene Gedächtnisorte und dem "Erweiterten Polizeigefängnis- Internierungslager Fröslev/ Fröslevlejrens Museum" (S. 9) eine in Dänemark gelegene Gedenkstätte. Daneben gibt es Beiträge über verschiedene Bunkertypen, den NS-Verbrecher Alfred Naujocks (S. 22), den einzigen deutschen Flugzeugträger "Graf Zeppelin". Ein Zeitstrahl "Seemacht Deutschland" (Seiten 18/19) zeigt eine Kontinuität zwischen Bundesflotte (1848-1852) bis zur Deutschen Marine (seit 1990), die nur durch das Jahrzehnt 1945- 1955 unterbrochen ist. Die Tragödie in der Neustädter Bucht (S. 32), das Schicksal des ermordeten Widerstandkämpfers Julius Weber (S. 38) und die nicht enden wollenden Flüchtlingsströme (S. 47) sind Themen weiterer Essays. Besonders sehenswert sind die Marinesportschule Mürwick (S. 3) und das Marine-Ehrenmal Laboe (S. 29), mit deren Bau bereits vor der NS-Zeit begonnen wurde.
"Mecklenburger Bucht" ist mit 22 Seiten das kürzeste Kapitel. Einen Schwerpunkt der, in der ehemaligen DDR gelegenen Regionen Wismar und Rostock bilden zahlreiche Gedenkstätten für die Opfer des NS-Rassenwahns. Besonders beklemmend sind die Beiträge "Todesmärsche" (S. 67) und "Novemberpogrom 1938"(S. 68/69, mit einer Karte der Tatorte). Weiterhin erfährt der Leser etwas über den zum Märtyrer stilisierten Wilhelm Gustloff (S. 62), die "Legion Condor" und die vom Schwager Konrad Adenauers, Ernst Zinsser (S. 63) entworfenen "Thingstätte". Das Wahnsin des obskuren Thingkultes, einer Anleihe des NS-Staates bei den "alten Germanen" lassen die Reste der "Thingstätte Rostock" erahnen.
Mit 57 Orten auf 51 Seiten bildet das Kapitel "Östliche Ostsseküste" den Schwerpunkt des Buches. Hier befinden sich u. a. das Versuchsgelände von Peenemünde (S. 106), das "KdF-Seebad Prora" (S. 88) und die Mahn- Gedenkstätte des einstigen "KZ-Außenlagers Barth" (S. 74). Die Objekte Nr. 52 - 57 befinden sich jenseits der Grenze auf polnischem Territorium. Auch im letzen Kapitel sind Essays, wie z. B. über die NS-Einrichtungen "Deutsche Arbeitsfront", "Kraft durch Freude" und die sogenannte "Rassenhygiene" (Euthanasie) eingebaut. Die Geschichte des "Dritten Reiches" hatte neben Werner von Braun (S. 105) auch die "Gorch Fock" (S. 80) überdauert.
Den Abschluss des insgesamt (mit allen aufgeklappten Seiten) 130seitigen Softcovers bildet ein zweiseitiger Anhang (grau) mit einem Abbildungs- und Literaturnachweis. Mit seiner "Ostseeküste 1933-1945" ist dem Wirtschaftsinformatiker und frischgebackenen Webmaster im Ch. Links Verlag, Martin Kaule, ein hervorragender "PastFinder" gelungen, der mit seinen Beschreibungen über andere Reiseführer hinausgeht. Das Handbuch ist für spezielle Reisen mit systematischen Erkundungen gleichermaßen geeignet, wie die Besichtigung von Bunkern, Rüstungswerken, Gedenkstätten usw. in deren zufälliger Nähe ein Urlaub verbracht wird. Als geographisch-historischer Wegweiser zur thematischen Auseinandersetzung und Mahnung für ein "NIE WIEDER" besonders zu empfehlen und mit 5 Amazonsternen zu bewerten.