Was Lehndorff beschreibt, liegt jenseits der heutigen Vorstellungskraft. Um den Arzt herum tobt das Inferno. Er hilft mit einfachsten Mitteln, wo er gebraucht wird. Um ihn herum sterben Menschen wie die Fliegen, werden Frauen vergewaltigt, brennen Häuser ab, es laufen Menschen in Lumpen durch den Frost oder werden in feuchten Kellern auf engstem Raum ohne Nahrung ihrem Schicksal überlassen. Für Flüchtlingstrecks ist es schon längst zu spät.
Das ganze wird mit einer relativen Emotionslosigkeit geschildert. Die Beschreibungen wirken aber nicht kalthezig, sondern eher wie durch die Brille eines traumatischen Dauerzustandes betrachtet. Auch Lehndorff kämpft ums Überleben. Was den Nationalsozialismus angeht, scheint er eine distanzierte Haltung zu haben. Politische Erwägungen spielen in dem Buch aber eine untergeordnete Rolle. Er verzichtet auf pauschale Schuldzuweisungen: Auch die Russen leiden. Hier geht es um das nackte Überleben im unbeschreiblichen Chaos nach der russischen Invasion in Ostpreußen zwischen 1945 und 1947. Das Buch wirkt glaubhaft.
Lehndorff bricht schließlich aus Königsberg nach Süden in das polnisch besetzte Ostpreußen auf. Prägend ist die Beschreibung der Dörfer, durch die er kommt: vieles ist abgebrannt, in den letzten Ruinen sammeln sich verängstigte Menschen. Viele Ortsnamen werden erwähnt. Wer sich fragt, warum im ehemaligen Ostpreußen viele Dörfer von der Landkarte verschwunden sind, findet hier eine Antwort.
All das liest wie ein spannender Roman. Es fällt schwer, das Buch eine Weile zur Seite zu legen. Kaum vorstellbar, dass dies tatsächlich geschehen ist.
Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang auch das "Zeugnis vom Untergang Königsbergs" von Michael Wieck. Die Schauplätze überschneiden sich zum Teil. Die Schilderungen sind ähnlich erschütternd.