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Kosserts neues Buch hat in seine Betrachtungen auch polnische, litauische und russische Quellen einbezogen. Dabei wird deutlich, daß Ostpreußen auch im kollektiven Gedächtnis dieser Nachbarvölker eine besondere Rolle spielt. Hören Polen und Litauer von Tannenberg – das polnische Grunwald und litauische Žalgiris – so denken sie in erster Linie an den polnisch-litauischen Triumph über den Deutschen Orden im Jahre 1410 und nicht wie die Deutschen an Hindenburgs Sieg in der Schlacht von 1914 gegen die russischen Armeen. Auf allen Seiten überwog eben bis 1989 eine einseitige, nationale Geschichtsschreibung. Hiervon unterscheidet sich Kosserts Darstellung, da sie Ostpreußen als wesentlichen Bestandteil nicht deutscher, sondern europäischer Geschichte ansieht. Losgelöst von nationalen Deutungsmustern präsentiert der junge Autor ein vielschichtiges Land, das mit seiner Widersprüchlichkeit und seinem Facettenreichtum fasziniert.
So führt uns der 1970 geborene Historiker, Politologe und Slawist in 15 Kapiteln durch die wechselhafte Geschichte Ostpreußens angefangen von seiner ersten Besiedelung durch die dem Land seinen Namen gebenden baltischen Pruzzen, seiner Christianisierung durch den von polnischer Seite ins Land gerufene deutsche Orden, der für 300 Jahre die gestaltende Kraft in der Region war. Aus polnischer Lehenshoheit entbunden fiel es später an Brandenburg, wurde Teil des Königreiches Preußen und im 18. Jahrhundert durch die Pest stark entvölkert durch Kolonisten aus der Schweiz, der Pfalz, Nassau und Salzburg neu besiedelt. Nach Eingliederung des Ermlandes 1772 infolge der 1. Teilung Polens nahm die ostpreußische Landwirtschaft einen starken Aufschwung. In Königsberg mit seiner Universität als Mittelpunkt blühte im 18. und 19. Jahrhundert das deutsche Geistesleben.
Der Autor eröffnet einen neuen Blick auf Ostpreußen. So war diese Kulturlandschaft seit der Zeit des Deutschen Ordens keineswegs ausschließlich deutsch geprägt, sondern vom Süden her immer auch polnisch und – was oft vergessen wird – vom Norden her im Bereich des Memellandes auch litauisch. Das Zusammenleben multilingualer Menschen funktionierte in diesem multiethnischen Ostpreußen zu Zeiten preußischer Liberalität und Toleranz. Erst zur Bismarckzeit nach Gründung des Deutschen Reiches setzte eine Germanisierungspolitik ein, die alle nichtdeutschen Bevölkerungsteile zurückdrängen wollte. Die fatalen Folgen dieser und erst recht jener Politik während der nationalsozialistischen Zeit sieht man recht gut, wenn man die instruktive Karte von 1920 im vorderen Buchteil mit jener nach 1991 am Ende des Buches vergleicht.
Kosserts Schreibstil ist trotz aller aus zahlreichen Quellen gründlich recherchierten historischer Fakten und gelegentlicher Wahlstatistiken flüssig. Der Text wird immer wieder aufgelockert durch Zitate aus Gedichten (u.a. für das berühmte Ännchen von Tharau), Briefen und zeitgenössischen Gesangbüchern (mit dem ermländischen Herz – Jesu – Lied) sowie zahlreiche illustrative Schwarzweißabbildungen von Gemälden, Urkunden, Postkarten und Fotografien. Den positiven Gesamteindruck rundet der geschmackvolle farbige Schutzeinband mit Motiven Königsbergs und der Niddener Düne ab.
Fazit: Wer sich umfassend über die wechselhafte Geschichte Ostpreußens informieren will, ist mit dem trotz akribischer Recherche gut lesbarem Buch bestens bedient. Das umfassende 395 seitige Werk sucht seinesgleichen. Kossert hat einen Meilenstein gesetzt, an dem kein anderer Autor zukünftig unbeeindruckt vorbeigehen kann.
Kossert leistet endlich einmal das, was viel zu viele Historiker vor ihm versäumten: Er betrachtet Ostpreußen weder durch die linke noch durch die rechte Brille, und er macht sich auch nicht "den deutschen" oder "den polnischen" Blickwinkel zu eigen, sondern zeigt dem Leser eine großartige, facettenreiche Kulturlandschaft, die für Deutsche, Polen und Litauer (die übrigens meistens vergessen werden - auch dies ist eine Leistung dieses Buches!) über viele Jahrhunderte zum wesentlichen Bestandteil ihrer kulturellen und nationalen Identität geworden ist.
Was Andreas Kossert hingegen nicht beabsichtigt, ist, die verschiedenen nationalen Mythen zu bedienen, die sich um Tannenberg/Grunwald, Nemmersdorf usw. ranken. Im Gegenteil: Es geht ihm darum, die objektive Geschichte Ostpreußens von diesen Mythen zu trennen, da sie es waren, die einer in die Zukunft weisenden Betrachtung dieses wunderschönen Landstrichs immer im Wege standen.
So mag der Untertitel des Buches leider manchen auf die falsche Fährte locken, wie das bei "Media-Mania" der Fall gewesen zu sein scheint. Wer sich an alten, deutschen Mythen berauschen möchte, sollte dieses Buch tatsächlich lieber nicht kaufen.
Das schmälert den Verdienst Andreas Kosserts jedoch keinesfalls. Er hat eine im besten Sinne zeitgemäße, moderne Geschichte Ostpreußens verfasst, die endlich den Weg frei räumt für einen unverkrampfteren und damit ehrlicheren Blick auf die Vergangenheit und die Gegenwart dieses Land im Herzen Europas.
Ein überfälliges, ganz ausgezeichnetes Buch.
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