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Thomas Rosenlöchers Tanzparade
Thomas Rosenlöchers «Ostgezeter» versammelt meist kürzere Texte aus den vergangenen Jahren, in denen die feuilletonistischen Neigungen des Autors den Ton angeben. Schon in seinen während der «Wendemonate» und unmittelbar nach der Wiedervereinigung entstandenen tagebuchartigen Bänden «Die gekauften Pflastersteine» und «Die Entdeckung des Gehens beim Wandern» waren diese Fähigkeiten zu bemerken. Rosenlöcher ist einer der raren deutschen Autoren, die pointiert, amüsant und unterhaltsam schreiben können. Sein Blick ist daher oft der wache, interessierte des Reiseberichts oder des Spaziergangs, bei dem die kleinen Dinge am Rande eine Rolle spielen. Man fühlt sich an die Heineschen Reisebilder erinnert, gutes feuilletonistisches Schreiben hatte ja schon immer hier seine Wurzeln, im Reise- und Flaneurgenre des Alltags.
Verlierersprache
So geht es in «Ostgezeter» um so unterschätzte Themen wie «Sächsisch als Verlierersprache» oder «Das Leuchtbild der Banane», Themen, an denen sich Rosenlöchers Selbstironie in der gleichzeitigen Orientierung an klassischen Topoi des schwerfälligeren «ostdeutschen Wesens» souverän bewährt. Rosenlöcher ist immer dann ein vor Einfällen sprühender Autor, wenn seine Texte kurz sind, der Einfall sich also nicht totlaufen kann, und er die ostdeutschen Gefühlslagen, denen sein Innerstes laufend nachsinnt, mit milder Selbstironie karikiert-therapeutisch am eigenen Leib entdecken kann. Einerseits schaut er mit dem Lächeln des Fremden auf seine Landsleute in Dresden und Umgebung, um sich anderseits im nächsten Moment bei diesen Landsleuten unterzuhaken, als dürfte er sie nicht allein im Regen des leichten Spotts und der Ironie stehen lassen.
Rosenlöcher ist daher vor allem dann brillant, wenn er in den eigenen Revieren herumstreift. In «Wie ich dem Fernsehn Dresden zeigte» oder in «Dampfschiffnudeln Methoden, sich Dresden zu nähern» spielt er gleich mehrere Rollen auf einmal: Er ist der Fremdenführer, der die blickarmen Westler an der Nase herumführt, er ist der Ostmensch, der angesichts der Herrschaftsgesten der Fremden zusammenfährt, und er ist der Schriftsteller, der es schafft, seine tief emotionale Bindung an die Kindheitsumgebung freizuhalten von allen Zudringlichkeiten.
In den schönsten Momenten von Rosenlöchers Streunereien meldet sich ein sehr alter, aus der Romantik herübergeretteter, einfacher Ton, der alles Gegenwartsgeschwätz ausblendet, für ein paar sehr dichte Sekunden. Rosenlöcher gelingt es, diesen Ton nicht antiquiert erscheinen zu lassen, und obwohl natürlich auch er nicht verhindern kann, dass dieser Ton immer etwas Vorgefertigtes, Schablonenhaftes mit sich bringt, hält er ihn doch am Leben wie einen Dämmergesang aus der frühesten Kindheit.
Solche Kindheitsnähe hat indessen auch andere Konsequenzen. Manchmal nämlich verliert sie sich in ein Abdriften zum Gespielt-Kauzigen, einem Narzissmus, der erträglich nur dann wäre, wenn er sich nicht gleichzeitig mit einer gemütlich vorgeführten Biederkeit verbünden würde. In solchen Stimmungslagen gibt Rosenlöcher eine Figur aus Jean Pauls komischen Kabinetten. Er duckt sich, macht sich immer kleiner, spielt den deutschen Weltvergessenen und will nicht wahrhaben, wo Politik und Geschichte ihre Hindernisse und Grobheiten aufgebaut haben.
Im längsten Text seines Büchleins, «Der Nickmechanismus Ein Selbstbefragungsversuch», hat er sich grosse Mühen gegeben, diesen verkleinerten Jean Paul in sich endlich zurückzulassen. Da nimmt er statt dessen mit einem spürbaren Ruck am Schreibtisch Platz, um sich und den anderen endlich zu erklären, wie das war in früheren Zeiten, warum er so lange Mitglied der SED war und wie es um den Sozialismus im eigenen Herzen eben so stand.
Auch dieser lange Text hat vor anderen vergleichbaren Texten den grossen Vorzug, lesbar zu sein. Hier hat sich keiner zum inneren Feldwebel über sich selbst ernannt, und hier gerät die Selbstabrechnung nicht zu einer todernsten Beichte, die vor lauter deutschem Strammstehen vor dem eigenen Gewissen das halbe Leben früherer Tage in nachgespieltem Zorn vernichten will. Solch ein Abrechnungsgebaren wäre im Fall Rosenlöcher auch völlig verfehlt. Was er sich vorhält, ist das klassische Mitläufertum, das «Feigheits-, Gleichgültigkeits- und Gewohnheitsnicken». Dieses Nicken erklärt er sich häufig einfach aus seiner Natur, die sich, wie in vielen Situationen erkennbar, nicht gern auf Konflikte einlässt, sie eher harmonisierend herabzustimmen versucht und auch sonst am liebsten mit sich selbst auskommt.
Rosenlöcher das ist der in der deutschen Literatur gar nicht seltene Fall eines Autors, der den nahen, intimen Raum seines Erlebens mit vielen Kompromissen gegen die härteren Wahrheiten verteidigt, es ist der Fall eines Autors, der vielleicht anders könnte, es aber nie darauf ankommen lässt. Daher ist der lange Text «Nickmechanismus» auch eher die Beschreibung einer spezifischen Mentalität als eine scharfe, weiter ausholende Analyse.
«So kommt der Mensch zu seinen Mitgliedschaften» dieser Tonfall grundiert die Selbstbefragung, es ist ein Hüpfen, Spielen und Andeuten um den heissen Brei herum, in der vorherrschenden Stillage der skeptischen Ironie, die nie mit dem Hammer auf die alten Tongötzen losgeht. Von Humoristen sollte man keine «Confessiones» erwarten; was Rosenlöcher zusammenmontiert hat, genügt vielleicht ihm, vor allem aber uns Lesern, damit sich unser Auge mit dem seinen nun endlich wieder ungetrübt der Zukunft zuwenden kann.
Thomas, träume nicht
Und was uns da erwartet, ist weitaus interessanter als der Fall eines Autors, der sich Mühe geben muss, Selbstbezichtigungsrituale in ironischer Brechung folgenlos abzuwickeln. «Sind die Westdeutschen böse?» fragt da etwa der kleine Neffe den Onkel Rosenlöcher, der einiges weiss von den Abwicklungsgeschäften der Westfirma Projekt & Gabler. Natürlich ist diesem Onkel schon die Frage peinlich, doch er bemüht sich diesmal, ihr nicht aus dem Wege zu gehen. Und so sammelt er lauter Erinnerungssplitter und führt diese Frage durch die verschiedenen Zeiten, vor und nach der Wende.
In solchen Texten wartet der Erzählstoff, den Rosenlöcher in seinen Miniaturen noch vor sich herschiebt. Jetzt sollte er sich ihm widmen, wir würden ihm den Dresdner Lorbeer aufs Haupt drücken, auch wenn's kein «Deutschlandroman» werden sollte. «Thomas, träume nicht», spricht am Ende von «Ostgezeter» nämlich nicht nur die Ostmama; «Thomas, träume nicht», sagt inzwischen auch die leise Stimme eines neuen gesamtdeutschen Gewissens. Und da wollen wir nicht versäumen, dem Autor auch damit ein wenig bange zu machen.
Hanns-Josef Ortheil
Thomas Rosenlöcher: Ostgezeter. Beiträge zur Schimpfkultur. Edition Suhrkamp 2023, Frankfurt am Main 1997. -- Neue Zürcher Zeitung
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