Ein Journalist aus der Provinz wird von seiner katholischen Gattin zum österlichen "urbi et orbi" mitgeschleppt, und nun hat er am Abend doch noch eine offene Bar gefunden, um die ganze Kultur ein wenig besser verdauen zu können. Da kommt noch ein weiterer Gast, dessen Gesicht ihm irgendwoher bekannt vorkommt, und lädt ihn zu einem Glas Prosecco ein. Und noch'n Prosecco, und noch einer... Man kommt ins Gespräch, der fremde ältere Herr mit dem gutturalen Akzent und den Schwierigkeiten bei der Aussprache deutscher Umlaute redet den verdutzten Journalisten mit "Mein Sohn" an, wartet auch mit weiteren ungewohnten Wendungen auf -- und entpuppt sich als der Papst Johannes Paul II. Der will verständlicherweise auch mal seine Ruhe haben und betritt inkognito die Eckkneipe aus nachvollziehbaren Gründen nicht in vollem Ornat, lässt sich lieber mit "Karol" anreden, und den Prosecco bechert er nur deswegen, weil er ja schlecht mit einer Fahne in den Vatikan zurückkommen kann; Bier und Wodka wären ihm lieber... Überhaupt, dieser Beruf! Karol ist schwer am Jammern, aber was will er machen, er hat ja "nichts Vernünftiges gelernt", und überhaupt: "Wann komme ich als Pole nochmals so gunstig nach Italien?"
Karol überra... pardon, uberrascht ohnehin mit einem bemerkenswert legeren Umgangston: "Nun verrate mir mal bitte, was an dieser Predigt gut war!", will er wissen. "Diese ganze Unfehlbarkeitskiste hat doch der ganze Klungel ausgekungelt", lästert er sodann, und überhaupt zieht er mal so richtig vom Leder. Vor allem der Ratzinger geht ihm schwer auf die Nerven, an dem lässt er kein gutes Haar... (ward Gernhardt da mit der Gabe der Prophetie beschenkt?)
Man plaudert über Sponsoren, deren werbetragender Zeppelin dem Ostersegen etwas unangemessen Profanes beimengt, über die sprachliche Fehlbarkeit des Heiligen Vaters in bezug auf die Segnung in fremden Zungen, über die Weltpolitik... und über all das halt, was man so in der Kneipe beredet unter Männern.
Aber nachdem sich der fidele Karol verabschiedet hat, erwartet den Herrn Maski eine unangenehme Überr... pardon, Uberraschung.
Die Idee allein schon hat was; naheliegend wie sie ist, kam außer Gernhardt wieder mal keiner drauf... Zum Glück kam der Gernhardt drauf, denn der machte daraus keinen dicken Wälzer, sondern eine kleine fidele Erzählung, die nicht so unschuldig ist, wie ihr lockerer Ton vorspiegelt. Im Gegenteil; da lässt er sein ganzes sprachliches Können mit derselben Vehemenz von der Kette wie Karol seine Tiraden wider "die Vatikan-Klungel" im Allgemeinen und Ratzingern im Besonderen.
Es sind die kleinen sprachlichen Feinheiten, die man fast überliest: Karol Wojtylas Akzent hat Gernhardt dermaßen gekonnt hingekriegt, dass man ihn leibhaftig reden hört, und dass er den salbungsvollen Tonfall in beste Kneipen-Lästerei unter Männern verfrachtet, pfeffert den Witz noch zusätzlich. Hingegen lässt er den nicht mal katholischen Journalisten beim Rekapitulieren der sonderbaren Begegnung in liturgischen Singsang fallen, "nachdenklich blätterte Maski in seinen Notizen", "unschwer erkannte Maski", "angestrengt versucht er"...
Und dann auch noch, "weil's so schön war", diese kleine Anspielung auf Paulus' Mahnung an die Apatschen ("Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen"), wenn Karol sich über den Applaus nach der Osterpredigt mokiert (dabei war die Predigt doch wirklich kein Knaller)...
Dass das Buch nicht nur verlockend schmal ist, sondern auch noch verlockend anzuschauen, illustriert vom Dichter -- nun, das dürfte ein weiteres Argument sein.
Aber Gernhardt wäre nicht Gernhardt, hätte er diese etwas andere "unerwartete Begebenheit" nicht hintersinnig unterfuttert; diesmal mit einer Variation über Russells Paradoxon*:
Wie ist das zu verstehen, dass der leibliche Papst sein Auftauchen implizit nicht nur durch die Unwahrscheinlichkeit seines Auftauchens beweist, sondern obendrein auch noch seine Unfehlbarkeit durch seine juristisch relevante Fehlbarkeit?
Da hat nicht nur die nächtliche Kneipenbekanntschaft dem Herrn Maski einen Streich gespielt, sondern auch noch der Dichter dem verdutzten Leser: Wer war das? Der Prosecco, oder doch der Papst?
*Russells Paradoxon: Wer rasiert den Barbier, der alle rasiert, die sich nicht selber rasieren, aber sonst keinen?