Euphorisch sind die Kritiken über diese Polanski-Kinoproduktion ("Wunderbare neue Adaption des Dickens-Klassikers"/The New York Times), doch der Score hinterlässt einen etwas zwiespältig Eindruck. Die 18 orchestralen Instrumentals klingen zur Hälfte stilvoll, elegant und leicht konsumierbar; der Rest ist betont düster. Die Stimmungen des im viktorianischen London angesiedelten Dramas um einen Waisenjungen spiegeln sich musikalisch allerdings kaum wieder!
Die Drehbuchvorlage für den "besten Familienfilm 2005" (Fox-TV), die erstmals 1837 als Fortsetzungsroman in einem Monatsmagazin veröffentlicht worden ist, gehört zur Weltliteratur. Erzählt wird dort die atemberaubende Geschichte des Oliver Twist, der dem Londoner Armenhaus entflieht, aber in die Hände eines Hehlers und der von ihm organisierten Kindertaschendiebbande gerät. Der Neunjährige muss viele Rückschläge erleiden, bis der Alptraum für ihn zu Ende ist und Erstaunliches über seine Herkunft an's Licht kommt.
Das Plädoyer für wahre und beständige Überlebenskraft inszenierte Roman Polanski (Der Pianist, Chinatown, Rosemary's Baby), stets ganz im Einklang mit dem Roman, in atmosphärischen Bilderwelten von gewaltiger visueller Kraft. Nachdem der Star-Regisseur die musikalische Untermalung seiner Filme seit 1976 in die Hände von insgesamt nur vier Komponisten (Philippe Sarde, Vangelis, Ennio Morricone, Wojciech Kilar) gelegt hat, entschied er sich diesmal für eine Frau: Rachel Portman. Die klassisch geschulte Pianistin hat schließlich schon mal die Musik für einen Dickens-Streifen (Nicholas Nickleby, 2002) geliefert. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Arbeit für Chocolat und, weil sie als erste Komponistin einen Oscar erhielt (Emma, 1996).
Dass der Pole die Britin mit dem Soundtrack beauftragte, überrascht. Portman gilt nämlich, ungeachtet ihrer Tätigkeit bei dem Thriller Flightplan oder dem Drama The Cider House Rules als Spezialistin für romantische Komödien und hat einen ganz klar umrissenen, sehr leichten Kompositionsstil. So gestaltete sie ihren 46.Score seit 1982 mit dem City Of Prague Philharmonic Orchestra in der von ihr bekannten, stimmigen Mischung aus sehr viel Streichern sowie diverser, pointiert gesetzter Holzbläser plus sporadischer Klavier-Tupfer und vereinzelter Blechbläser. Konkret: Die Trompete verbreitet im ersten Stück ("Streets Of London") Renaissance-Flair. Bei "The Artful Dodger" setzt eine Klarinette Akzente. Für das düstere "The Robbery" sind Oboen tonangebend. Nicht zu vergessen, die durch schnell gespielte Cellos geprägten Action-Stücke "Fagin's Loot", "The Escape From Fagin" oder "The Murder".
Das ist stets betont melodiös, nimmt aber weder auf die zeitlose Geschichte von Kinderarmut, noch auf die Viktorianische Epoche, in der diese spielt, Bezug! Ungeachtet der Film-Thematik hat Rachel Portman jedoch einmal mehr ihren Stil kultiviert und ein Werk vorgelegt, dass sich selbst bei den melancholischsten und dunkelsten Momenten während der fast 54-minütigen Laufzeit nahtlos in die Reihe ihres Gesamtschaffens einfügt! Thomas Hammerl