Diesen veränderten Wahrheitsbegriff muss man bedenken, wenn man Osho liest. So trennt er zum einen zwischen faktischer (historischer) Wahrheit und essentieller (existentieller Wahrheit) - in seinen Worten "facts and truth" - und nimmt es demzufolge mit der Wahrheit nicht so genau. Man darf nicht alles wörtlich nehmen, was er sagt, sondern sollte den "tieferen" Sinn dahinter suchen, vor allem darf man sich durch die unendlich vielen "Widersprüche" nicht beirren lassen. Was Osho heute kundtut, hat seine Wahrheit im hierjetzigen Kontext und kann morgen schon ganz anders klingen, denn der morgige Tag hat seine eigene Plage. Fakt ist, dass der empfängliche Leser immer wieder auf vollkommen überraschende, ganz originäre und eben wahre, erhellende Gedanken stößt, auch wenn er sich dafür mitunter durch einen Wust "Unsinn" arbeiten muss.
Aber nicht deswegen bekommt dieses Buch nur 4 Sterne, sondern weil es in seinem Titel nicht die Wahrheit sagt! Osho hat sich nie mit einer Autobiographie abgegeben, von einigen Kindheitserinnerungen abgesehen, sondern sein Leben, wie er es sah, versteckt sich im schier unübersichtlich umfangreichen Werk. Das haben nun einige Jünger nach autobiographischen Versatzstücken abgeklappert und diese nach deren Gutdünken zusammengebastelt. Besonders zu Beginn schien das noch sehr gut zu funktionieren (Kindheit, Jugend, Studium), wo sich das alles noch wie eine organische Einheit liest; später wird es mehr ein Lehrbuch, das versucht, einige Pfeiler der Lehre zu präsentieren. Das kann auch gar nicht anders sein, denn solch ein Leben definiert sich wesentlich durch die Lehre, sollte aber doch zumindest kenntlich gemacht werden, denn immerhin handelt es sich um interpretative Eingriffe. Was ihnen dabei vermutlich unbeabsichtigt gelang, ist das Thema Wahrheit in Oshos Werk als Leitfaden herauszuarbeiten! Da ist er an den hellsten Stellen auch ernstzunehmender Philosoph, einem Heidegger ("aletheia" als Unverborgenheit, entbergende Lichtung, vgl. 159) oder Wittgenstein des Tractatus nahe (vgl. 67) - nicht zu Unrecht hatte Sloterdijk ihn einmal treffend als einen "Wittgenstein der Religionen" bezeichnet, "denn er hat die Sprachspiele der Weltreligionen radikal auseinandergenommen, bemerkenswert vollständig und mit der Grausamkeit, die aus der Vertrautheit mit den religiösen Tricks kommt."
Es ist übrigens überhaupt ein Problem, noch ein originäres Osho-Buch aufzutreiben, fast alle Neuerscheinungen sind Kompilationen der Osho Media International Group (Angst, Mut, Emotionen, Bewusstsein, Freiheit, Buch der Männer, Frauen, Kinder etc.). Damit wird sein Werk zwar weiter einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht, und im seelsorgerischen Bereich ist die thematische Ordnung sicher auch sinnvoll, aber eben doch aus dem Zusammenhang gerissen und bei einem Mystiker und selbst benanntem Weisheitsclown, der die Wahrheit des Tages lebt, ist das ein bedenkliches Verfahren.
Das ändert nichts daran, dass man auch hier an dieser einzigartigen Weisheit teilnehmen und die dabei allmählich eintretende Leichtigkeit des Seins genießen darf. Frei nach Deleuze (über Nietzsche): Wer Osho liest, ohne zu lachen, ohne viel zu lachen, ohne oft und¬ manch¬mal wie verrückt zu lachen, für den ist es, als ob er Osho nicht läse. Osho: "I have been telling jokes to you, but I have not been laughing because I have been playing a joke all my life!" (110) Man darf dabei den paradoxalen, quasi epimenideischen Oberton (Epimenides der Kreter sagte: Alle Kreter sind Lügner) nicht überhören: "I am always joking - don't take it seriously."
... die letzten 60 Seiten geben dann tatsächlich einen kurzen Überblick über Oshos Leben als Biografie, wenn auch einen wenig kritischen.
(diese Rezension bezieht sich auf das englische Original: "Autobiography of a Spiritually Incorrect Mystic")