Lange Vorrede: als ich in Großbritannien lebte, war Stephen Fry gerade mit seinem Buch "Der Lügner" zur Kultfigur (besonders in Studentenkreisen und ganz besonders unter schwulen Studenten) geworden. Man sah ihn oft im TV-Shows, wo er durch seinen augenzwinkernden, schlagfertigen und wortgewandten Humor und Charme auffiel (was für solch einen Brocken von Mann verblüffend ist). Wir witzelten damals: Fry sei wohl die Wiedergeburt von Oscar Wilde, er sehe ihm ja sogar etwas ähnlich. Auf jeden Fall haben die beiden erstaunlich ähnliche Augen, die ja immer viel über die Seele dahinter verraten.
Wie dem auch sei, jedenfalls gab es großes (begeistertes) Gelächter, als wir von dem Film erfuhren.
Ich denke, vielleicht haben manche ein sehr idealisiertes Bild von Oscar als Dandy und Ästhet, aber er war vor allem ein großer, schwerer Mann (wie Fry) mit einer Masse unbändigem Haar (wie Fry), nicht unbedingt attraktiv (wie Fry) und mit einem unerwarteten, charismatischen Witz (wie Fry). Wenn man sich Fotos von Wilde genau ansieht, amüsiert es oft, wie wenig diese massige Gestalt eigentlich in seine eigene Rolle passte - auch hier ist Fry wieder die Idealbesetzung.
Auch Jude Law überzeugt als blasierter, arroganter und kindischer Liebhaber Alfred Douglas (Bosie), der Oscar ebenso verzaubert wie den letzten Nerv raubt. Diese Zwiespältigkeit der Beziehung, für die Oscar zudem das Glück seiner vorher sehr harmonischen Ehe opfert (dies entspricht seiner tatsächlichen Biographie) gehört zu den stärksten, manchmal auch etwas anstrengenden Momenten des Filmes. Anstrengend, weil die Situation des vor Liebe völlig blinden älteren Mannes zum egozentrischen jungen Adligen, der jeden seiner Wünsche erfüllt haben will und Oscar oft mit Verachtung behandelt, wo der Ältere dem Jüngeren unendliche Geduld und sogar väterliche Gefühle entgegenbringt, einem die Katastrophe von Wildes Leben drastisch vor Augen führt. Eine Anstrengung, die sich zu sehen lohnt: ein Mann, der alles hat - Ruhm, Anerkennung, eine gute Familie, Freunde, Selbstverwirklichung in seiner Kunst - wirft alles ins Spiel um letztlich zu verlieren, als ihn Bosies Vater schließlich der Unzucht beschuldigt. Zu Recht, nach damaliger Moral. Aber mit welch demütigenden Folgen...
Ich kann mir gut vorstellen, dass Oscar Wilde am Ende seines Lebens diese ungeschönte Darstellung gut gefallen hätte, wenn man "De Profundis", seine "Abrechnung" mit Lord Douglas liest. Aus dem einstigen Schöngeist war ein nüchterner Realist geworden, der seine schriftstellerischen Fähigkeiten jetzt darauf verwandte, mahnende Briefe an die englischen Presse zu schreiben, um über die schrecklichen Bedingungen in den Gefängnissen aufzuklären.
Ein abschließendes Lob noch an Jennifer Ehle, die Wildes Ehefrau Constance mit viel Würde und der ihr nachgesagten stillen Liebenswürdigkeit spielt.