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Burkhard Müller-Ulrich ist froh, dass Oscar Wildes Enkel Merlin Holland sich einer literaturhistorisch so bedeutenden Lücke angenommen und die Protokolle des Queensberry Prozesses nun erstmals vollständig veröffentlicht hat. Wildes Verleumdungsklage gegen Lord Queensberry, der ihn mehr oder weniger öffentlich der Sodomie bezichtigt hatte, stellte sich als Rohrkrepierer heraus. Wie ein sich seiner Schlagfertigkeit anfangs allzu sicherer Wilde quasi selbst auf die Anklagebank redete, ist ein Dokument von "eigentümlichem Reiz", bekundet der Rezensent. "Widerlich und brillant zugleich, beängstigend und mitleiderregend, voller Lügen und Wahrheiten." Gern hätte Müller-Ulrich mehr von dem Ton erfahren, in dem Wilde und der Ankläger Carson sich beharkten, gern hätte er mehr vom "Tempo dieser Schlagabtäusche" gewusst. Das vermittle der Text leider nur stellenweise. Auch der Wunsch des Rezensenten, mehr über die Mienen, Gesten und Reaktionen der übrigen Anwesenden zu erfahren, bleibt unerfüllt.
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Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 30.12.2003
Ein "beklemmendes, bei einigen Kürzungen übrigens durchaus bühnentaugliches Gerichtsdrama" erblickt Gustav Seibt in dieser Niederschrift des Queensberry-Prozesses, die Oscar Wildes Enkel Merlin Holland ediert und "nachdenklich" kommentiert hat. Wie Seibt berichtet, geht es um das Beleidigungsverfahren, das Wilde gegen den Marquis of Queensberry anstrengt hatte, und das zum Auftakt von zwei Kriminalprozessen wurde, die Wilde nicht nur eine zweijährige Haft mit Zwangsarbeit, sondern auch die Zerstörung seines Rufes, seiner Gesundheit und seinen frühen Tod eintrugen. Queensberry hatte Wilde, den er als Verderber seines verkommenen Sohnes Bosie erachtete, als "posierenden Sodomiten" bezeichnet - eine Beleidigung, die Wilde nicht auf sich sitzen lassen wollte. Ausführlich schildert Seibt den Prozess, in dessen Verlauf Edward Carson, der Anwalt der Gegenpartei, Wilde im Kreuzverhör systematisch auseinander nahm, um schließlich erdrückende Beweise für Wildes Homosexualität zu liefern. Wildes Versuch, auf eine elitäre Kunstautonomie als Verteidigungsstrategie zu setzen, ging nicht auf, er verlor das Verfahren. "Warum ein so erlesener Geist so viel Gefallen an ungebildeten rohen jungen Männern finden konnte", schließt Seibt, "diese ätzende Frage Carsons war nicht mehr zu klären."
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Kurzbeschreibung
Klappentext
Berliner Zeitung
"Marcus Kiepe und Ulrich Noethen, die den beiden Kontrahenten ihre Stimme leihen, gelingt es Ton und Tempo des Prozesses glaubhaft zu machen. Vor allen Ulrich Noethen als unerbittlicher Carson überzeugt. [...] Dem Hörbuch gelingt es damit, die prüde und bigotte Atmosphäre der viktorianischen Epoche lebendig zu machen."
hr2
"Dieses einem Kriminalstück nahe kommende Hörspiel verdient Bewunderung, Dank und Ovation."
Süddeutsche Zeitung
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Auszug aus Oscar Wilde im Kreuzverhör. Die erste vollständige Niederschrift des Queensberry-Prozesses. von Merlin Holland, Henning Thies. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Great Marlborough Street
Regina (Oscar Wilde)
gegen
John Douglas (Marquis von Queensberry)
Vor
R. M. Newton, Esq. (Magistrat)
Samstag, den 2. März 1895
Schriftliche Zeugenaussagen von
Sidney Wright, Portier im Albemarle Club
Polizeiinspektor Thomas Greet von der
Abteilung C der Polizei
Mr. C. O. Humphreys für die Anklage
Sir George Lewis für den Marquis von Queensberry
[nach den Kurzschriftnotizen der Herren Cherer,
Bennett und Davis,
8 New Court, Carey Street, WC]
Am Samstag, den 2. März, wurde um neun Uhr morgens der Marquis von Queensberry in Carter's Hotel verhaftet, aufgrund eines Haftbefehls, den Oscar Wilde und sein Anwalt Charles Humphreys am Vortag beantragt hatten. Der Marquis wurde ins Polizeirevier an der Vine Street gebracht und von dort ins Polizeigericht an der Marlborough Street. Dort wurde die Anklage verlesen. Die Verhandlung leitete der Magistrat Robert Milnes Newton.
CHARLES HUMPHREYS eröffnete die Verhandlung mit der Feststellung, dass Mr. Oscar Wilde verheiratet sei und eine sehr herzliche Beziehung zu seiner Ehefrau und zu seiner aus zwei Söhnen bestehenden Familie habe. Er sei durch Lord Queensberry auf sehr grausame Weise belästigt und verfolgt worden. Schon vor zehn Monaten habe ihn sein Mandant in dieser Sache konsultiert, und in Anbetracht der häuslichen Situation der Familie Queensberry falle es Mr. Wilde schwer, strafrechtliche Schritte einzuleiten. Doch er sei auf derart beängstigende Weise von diesem Gentleman verfolgt worden, dass er gezwungen gewesen sei, zu seinem eigenen Schutz und zur Wahrung seines Friedens den jetzt unternommenen Schritt zu gehen. Der letzte Akt in diesem schrecklichen, traurig stimmenden Drama habe sich am 18. Februar ereignet, obwohl er Mr. Oscar Wilde erst vorgestern Abend zur Kenntnis gelangt sei. Mr. Wilde sei Mitglied im Albemarle Club, in dem Damen und Herren als Mitglieder willkommen seien. Auch Mrs. Wilde sei Mitglied in diesem Club. Am letzten Donnerstag, dem 28. Februar, abends zwischen fünf und sechs Uhr habe sich Mr. Wilde in diesen Club begeben, und dort habe ihm der Portier in einem an »Oscar Wilde Esq.« adressierten Umschlag eine Visitenkarte überreicht. Er sagte, ein Gentleman sei vorbeigekommen und habe gebeten, diese Karte Mr. Oscar Wilde zu überreichen. Der Portier sei über den handschriftlichen Zusatz erstaunt gewesen und habe dies für wichtig genug gehalten, um seinerseits Datum und Uhrzeit der Übergabe dieser Karte hinzuzufügen. Er habe geschrieben: »4.30, 18th February 1895«. MR. HUMPHREYS erklärte, er könne sich keine erschreckendere, schwerwiegendere oder verwerflichere Verleumdung denken, die ein Mann über einen anderen öffentlich äußern könne. Er schlug vor, auch andere Fälle einzubeziehen, die sich vor dem 18. Februar ereignet hätten. Nach der Voruntersuchung wolle er den Magistrat auffordern, das Hauptverfahren gegen den Beschuldigten zuzulassen.
SIR GEORGE LEWIS beantragte, dass der Fall vor Eintritt in die Beweisaufnahme vertagt werde, damit er sich mit seinem Mandanten beraten könne und mehr Zeit habe, den Fall zu bedenken.
MR. HUMPHREYS sagte, er wolle gegenwärtig nur den Aufruf von zwei Zeugen beantragen, deren Aussagen sehr kurz seien. Der ganze Fall könne dann auf nächste Woche vertagt werden.
SIDNEY WRIGHT, Portier des Albemarle Club, und THOMAS GREET, der Polizeiinspektor, der Queensberry verhaftete, wurden sodann vernommen und gaben ihre Aussagen zu Protokoll.
SIDNEY WRIGHT: Ich bin Portier im Albemarle Club, 13 Albemarle Street, Piccadilly. Am 18. Februar diesen Jahres kam der Beschuldigte in den Club und sprach mich an. Er übergab mir die dem Gericht vorliegende Karte (mit »A« markiert), auf die er in meiner Gegenwart geschrieben hatte: »For Oscar Wilde ponce and somdomite« (Für Oscar Wilde, Zuhälter und Sodomit). (queensberry unterbricht und stellt fest, dass die Worte »posing as sodomite« [der als Sodomit posiert] lauten.) Der Aufdruck der Karte lautete »Marquis of Queensberry«. Er sagte: »Geben Sie diese Karte Oscar Wilde.« Auf die Rückseite der Karte schrieb ich die Uhrzeit und das Datum der Übergabe dieser Karte an mich. Ich steckte die Karte in den dem Gericht vorliegenden Umschlag (mit »B« markiert) und adressierte ihn an »Oscar Wilde Esq.«. Ich habe den Umschlag nicht versiegelt. Ich ließ ihn auf meinem Schreibtisch liegen. Am 28. Februar kam Mr. Oscar Wilde in den Club. Ich kannte ihn, ebenso wie Mrs. Wilde, als Mitglieder des Clubs. Als er kam, übergab ich ihm den Umschlag mit der Karte und sagte: »Das hat Lord Queensberry für Sie hinterlassen.«
Kreuzverhör wrights durch sir george lewis.
SIDNEY WRIGHT: Der Beschuldigte gab mir zu verstehen, dass ich diese Karte Mr. Wilde geben sollte. Ich wusste nichts über die Umstände, die der Übergabe dieser Karte vorausgingen.
wright unterzeichnet seine schriftliche
Zeugenaussage.
THOMAS GREET: Ich bin Polizeiinspektor (detective-inspector) in Abteilung C der Polizei. Gestern erhielt ich den von diesem Gericht ausgestellten Haftbefehl. Gegen neun Uhr heute Morgen traf ich den Beschuldigten in Carter's Hotel in der Albemarle Street an. Ich fragte: »Sind Sie der Marquis von Queensberry?« Er sagte: »Ja.« Ich sagte: »Ich bin Polizeiinspektor und habe einen Haftbefehl gegen Sie, ausgestellt von R.M. Newton vom Marlborough Street Police Court.« Dann verlas ich ihm den Haftbefehl. Er sagte: »Ich dachte immer, in solchen Fällen erhielte man eine gerichtliche Vorladung, aber ich nehme an, dass alles seine Ordnung hat.« Ich sagte: »Ja.« Er sagte: »Wie lautete das Datum?« Ich sagte: »Der achtzehnte.« Er sagte: »Ja - ich versuche schon seit acht oder zehn Tagen, Mr. Oscar Wilde zu finden. Diese Sache ist schon seit mehr als zwei Jahren in Gang.« Ich brachte ihn zur Polizeistation in der Vine Street, wo er angeklagt wurde und nichts erwiderte.
SIR GEORGE LEWIS: Lassen Sie mich kurz etwas sagen, Sir. Ich wage zu behaupten, dass Sie, wenn Sie die Umstände dieses Falles genauer kennen, der Ansicht sein werden, dass Lord Queensberry unter Gefühlen starker Entrüstung so handelte wie er es tat, und -
MAGISTRAT (unterbricht ihn): Darauf kann ich mich jetzt nicht einlassen.
SIR GEORGE LEWIS: Ich möchte verhindern, dass dieser Fall vertagt wird, ohne dass zur Kenntnis genommen wird, dass gegen Lord Queensberry nichts Ehrenrühriges vorliegt.