Aus der Amazon.de-Redaktion
Da Frauen nur noch in Begleitung eines Mannes das Haus verlassen dürfen, verliert eine verwitwete Frau ihre Arbeit als Krankenschwester und kann deshalb ihre Familie nicht mehr ernähren. Nun muss die 12-jährige Tochter, verkleidet als Junge, den Lebensunterhalt verdienen. Ein Freund ihres verstorbenen Vaters nimmt sie trotz der Gefahr für sein eigenes Leben als Gehilfe auf - die Familie scheint gerettet. Doch Osama, wie sich das Mädchen nennt, fürchtet beständig, enttarnt zu werden: Als Junge muss sie auch die Koranschule besuchen und an den männlichen Riten teilnehmen, die ihr völlig fremd sind.
Mit eindrucksvollen Bildern lässt Barmak die Wirklichkeit bedrohlich nahe rücken und setzt auf einfache Gesten und Worte, um die Ausweglosigkeit der Situation zu zeigen, die sich im Übrigen auch nach dem Krieg gegen die Taliban für viele der Opfer nicht wirklich zum Besseren gewandt hat. Nicht nur das Mädchen Osama rechnet mit dem Schlimmsten. Auch dem Zuschauer wird bald klar, dass dieses beklemmende Stück Aufarbeitung jüngster afghanischer Geschichte am Ende keinen rettenden Ausweg in ein besseres Leben bieten wird. Dennoch will Barmak versöhnen und nicht spalten. Dem Film vorangestellt ist ein Zitat von Nelson Mandela: Ich werde verzeihen. Aber ich werde nie vergessen. Produziert wurde das bewegende Drama vom iranischen Altmeister Mohsen Makhmalbaf (Reise nach Kandahar B00006HAVT). -- Birgit Schwenger
Movieman.de
Moviemans Kommentar zur DVD: Das Bild ist durchaus noch gut, der Ton liefert stimmigen Stereo-Klang.
Bild: Die 4:3-Abtastung hantiert leider nicht mit dem Kinoformat, das im Abspann sichtbar wird, der in 1,85:1-Letterbox geframet ist. Leichte Mattscheibeneffekte in Bildsituationen mit großflächigen Hintergründen (00.37.31, Häuser) sind in Artefakthinsicht das einzig störende an der ansonsten stabilen Optik. Die Schärfe ist recht detailliert und liefert in Totalen durchaus noch etwas Biss (01.08.45, Esel). Bei gesundem Kontrast und sauberer Farbsättigung ein knappes Gut.
Ton: Der deutsche Stereomix bietet ein rundes Front-Volumen. Stimmen sind gut der Umgebung angepasst (00.10.54, im Krankenhaus) und in der Kulisse ist eine sauber Frontdirektionalität gegeben.
Extras: Das Making Of ist ein Amateur-Kamera-B-Roll, das in seinen 11 Minuten sehr viel Dreh-Atmo herüberbringt. Das Interview mit dem Regisseur zeigt seine Begeisterung für das Projekt und erzählt, wie die Hauptdarstellerin gefunden wurde. --movieman.de
VideoMarkt
Video.de
Blickpunkt:
Siddiq Barmak, Filmbeauftragter der afghanischen Regierung, sieht seine primäre Aufgabe darin, die Verbreitung und Produktionsmöglichkeiten von Film zu stärken - denn die liegen seit dem Ende der Terrorherrschaft gänzlich danieder. Die Taliban schlossen Kinos und Videotheken und vernichteten jegliches Filmmaterial, das sie in die Hände bekamen. Die wenigen Filmemacher gingen ins Exil, zumeist nach Pakistan. Barmak, der mit 'Uruj' den ersten Spielfilm nach dem Abzug der Sowjets realisierte, kehrte nach der Wahl der Übergangsregierung zurück und wurde wieder als Direktor bei 'Afghan Film' eingesetzt, gründete die Buddha Film Organisation und löste im Frühjahr dieses Jahres Mohsen Makhmalbaf als Leiter der Afghanischen Kinder-Erziehungs-Bewegung (ACEM) ab.
Er greift mutig ein immer noch brisantes und tabuisiertes Thema auf. Die religiösen Eiferer verboten den Frauen, ohne männliche Begleitung das Haus zu verlassen. Für Alleinstehende und Witwen ein harter Schlag, konnten sie doch nicht mehr arbeiten und ihre Kinder ernähren. In ihrer Not verkleidet eine Ärztin ihre 12-jährige Tochter als Sohn, damit sie mit ihm am Arm in die Klinik gehen kann. Als sie ihren Job verliert, arbeitet der 'Junge' im Laden eines Freundes und muss die Koranschule besuchen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Mädchen entdeckt und ins Gefängnis geworfen wird. 'Osama' spiegelt die schlimmsten Seiten der Fundamentalisten-Diktatur wider, die Hilf- und Wehrlosigkeit einer ganzen Gesellschaft. Wenn das Mädchen trotz größter Angst vor Enttarnung Mittel und Wege findet, ihre Identität zu kaschieren, glaubt man sich in einem Krimi. Fast unglaublich die Szenen, in denen ein alter Mullah den Schülern Reinlichkeitsrituale erklärt und sich dabei lüstern selbst befingert, oder der greise und geile Turbanträger ihr zur Zwangshochzeit das schönste Vorhängeschloss schenkt, um sie anschließend von der Welt wegzusperren.
Der Regisseur konfrontiert mit grauenvoller Wirklichkeit: die Mullahs rekrutierten ihren Frauennachschub aus Flüchtlingslagern und nutzten die soziale Situation schamlos aus. Heute sind die Opfer gesellschaftlich geächtet und müssen mangels Perspektiven bei ihren Peinigern bleiben. Für Glaubwürdigkeit sorgt die junge Laiendarstellerin Marina Golbahari, ein Bettelkind. Visuelle Kraft entfaltet die Kamera (35mm) von Ebrahim Ghafuri, die eingesetzte Symbolik erinnert an die Stärken des iranischen Kinos. Barmak möchte trotz allem versöhnen, nicht umsonst steht am Anfang das Zitat von Nelson Mandela: 'Ich werde verzeihen. Aber ich werde nie vergessen.' Der u.a. mit dem 'Preis der französischen Arthouse-Kinos' ausgezeichnete Film sollte nicht zuletzt durch die Verbindung von politischer Aktualität und professioneller Machart ein aufgeschlossenes Publikum finden. mk.