Margaret Atwood entwirft hier einen dystopischen Roman, der bereits erschreckende Parallelen unserer Gesellschaft abbildet. Die Wissenschaft, v.a. gentechnische Innovationen (insbesondere lebensverlängernde, als auch verjüngende Maßnahmen) dominieren die Gesellschaft und sind schlussendlich verantwortlich für deren Untergang. Einzig Jimmy (alias Snowman), der Freund des Gentechnikers, der für die Virusepidemie verantwortlich zeichnet, überlebt diese Katastrophe, um die künstlich geschaffenen Humanhybriden zu beschützen. Und während er versucht, dem Hungertod zu entgehen, versucht er sich in Rückblicken an die Geschehnisse bzw. die Zeichen zu erinnern, die zu seiner aktuellen Situation führten.
Zentrale Themen des Buches sind Umweltverschmutzung, Konsumwahn, die auf Kapitalismus zurückzuführende Zwei-Klassen-Gesellschaft (komplette Auflösung der Mittelschicht) und vor allem die ausufernde, alles (insbesondere die Gesellschaft) dominierende Gentechnologie. Doch Atwoods Kritik geht noch weiter: in einer von Technik und somit von Zahlen dominierten Welt bleibt kein Platz mehr für Schriftsteller - Snowman als der letzte seiner Art mit Liebe zur Sprache, Semantik und Neologismen; smart, charmant und intelligent, jedoch nicht mathematisch begabt und deshalb nutzlos (dumm) für dieses Gesellschaftssystem, ist umgeben von Analphabeten bzw. literarisch Ungebildeten, die sein Talent weder sehen noch zu schätzen wissen. Diese Kritik setzt Atwood konsequent fort, da Snowman nach der Katastrophe nur von den Crakern umgeben ist, die weder lesen, noch schreiben können - der Schriftsteller somit als aussterbende Spezies dargestellt wird.
Die Leküre von Oryx and Crake hat mir vom Sprachstil (insbesondere ihre Neologismen und Snowmans mindstyle) sehr gut gefallen, sieht man von manch inhaltlichen Schwächen: knappe Beschreibung Oryxs (der Geliebten Jimmys & Crakes) und dem zu kurzen Schluss ab. Dass die von ihr formulierten Fragen unbeantwortet bleiben, ist vielleicht so gewollt, zumindest hat sie bei mir damit das Ziel erreicht, nachhaltig ihre Kritik zu reflektieren.