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5.0 von 5 Sternen
Spannende Darstellung und Aufarbeitung, 14. März 2005
Rezension bezieht sich auf: Orte der Moderne: Erfahrungswelten des 19. und 20. Jahrhunderts (Gebundene Ausgabe)
Auf 372 Seiten und mit 32 Textbeiträgen beleuchten die Herausgeber dieses spannenden kulturgeschichtlichen Werks die Orte der Moderne. Darunter verstehen sie keine bestimmten Räume, auch wenn die Texte von einem konkreten Beispiel ausgehen, sondern Prototypen dreidimensionaler Aufenthaltsorte der Menschen im 19. und 20. Jahrhundert. Wie in einer klassischen Reisebeschreibung wird der Leser durch kulturelle und soziale Begegnungsstätten geführt. Ein Qualitätszeichen dieses Bandes ist die Ordnung, die von den Herausgebern geschaffen wird und dem Leser eine mögliche Orientierung vorschlagen. Die grossen Etappenziele lauten:
Bewegen: Orte der Erweiterung. Bsp. Auto, Bahnhof oder Raumschiff. Vernetzten: Orte der Steuerung, Bsp. Telefonzentrale, Arbeitsamt oder Zeitungsredaktion. Sich nahe kommen: Orte des Abstands. Bsp. Strand, Grandhotel oder Stadion. Gestalten: Orte der Rationalisierung. Bsp. Hochaus, Stahlwerk oder Staudamm. Vereinnahmen: Orte des Ausstellens. Bsp. Warenhaus, Kino oder Kraftraum. Verdichten: Orte der Zerstörung. Bsp. U-Boot, Bunker oder Konzentrationslager. Sich zurückziehen: Orte der Befreiung. Bsp. Kleinstadt, Appartement oder Couch.
Klingt spannend, und ist es auch. Die meist zehn Seiten langen Artikel sind komprimierte Zeitbilder, Studien und Entdeckungsberichte, wie man sie nur selten findet. Und obwohl es am Schluss ein tolles Gesamtbild menschlichen Wirkens und Raumgestaltung gibt, kann ich als Leser locker schmökern, ganz nach Lust und Laune in mein Lieblingsgebiet eintauchen. Leser mit antichronologischen Verhalten, werden sogar durch textinterne Querverweise auf andere Aufsätze unterstützt und geführt. Sehr gefallen haben mir auch die Literaturhinweise, die jeden Einzeltext abschliessen. Unter den jeweils 20 - 30 aufgeführten Titeln finden sich auch Romane und echte Perlen der Wissenschaftsgeschichte, von denen die meisten noch irgendwo zugänglich sind.
Die Herausgeber haben genau das gemacht, was ich von Herausgebern erwarte. Um den Lesern eine schmackhafte Mischung von Vielfalt und Einheitlichkeit zu präsentieren, suchten Geisthövel/Koch Autorinnen und Autoren, mit einer minimalen Seelenverwandtschaft, einem gemeinsamen Sprachverständnis für Wissenstransfer und ohne egomanischen Platzhirschhabitus. Und weil die Geburtsdaten vieler Autoren in den frühen Siebzigerjahren liegen, konnte sich der unsägliche Wissenschaftskitsch der die 68er-Generation zum Teil so prägte, gar nicht ausbreiten. Die Texte sind zwar nicht fremdwortbereinigt, aber auch nicht so überladen, dass den Lesern ohne Kenntnisse der spezifischen Fachsprachen der Zugang zum Inhalt verwehrt wäre.
Gefallen hat mir auch, dass dieser spannende Rundgang durch zwei Jahrhunderte Menschheitsgeschichte vom Ansatz ausgeht, die wesentlichen Beschleunigungen seien im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte der 20. Jahrhunderts erfolgt. Das ist ein Befund, den ich voll teile, der aber in den letzten beiden Jahrzehnten vergessen oder verdrängt wurde. Dieser Position der Herausgeber ist nicht nur wohltuend, sondern legt die Sicht frei für weit Wesentlicheres als das mediale Tamtam vom rasenden Wandel und vom neuen Menschen.
Das menschliche Ich muss sich „erst" seit dem 19. Jahrhundert irgendwie damit zurechtfinden, dass bisherigen evolutionären Anpassungsleitungen nicht mehr genügen, dass mit der Daueranpassung nach der Pubertät eigentlich erst los geht - und dass unser fragiles Ich dafür schlecht ausgerüstet wurde.
Diese Einschätzung führt mich auch zur einzigen Kritik, die allerdings sehr subjektiv ist und starken biografischen Bezug hat. Ich hätte gerne noch zwei oder drei Seiten darüber gelesen, wie Mensch und Gesellschaft auf die neuen Anpassungsanforderungen des Ichs reagieren können, müssen oder sollen. Dazu würden sich die neurologischen Entdeckungen der letzten beiden Jahrzehnte als Ansatz und Hilfsmittel eignet. Doch wie gesagt, das ist ein persönliches Bedürfnis, dessen Nichterfüllung vielleicht sogar gut ist, indem es meinen eigenen Denkapparat massiv in Gang setzt.
Fazit: Eines der interessantesten kulturgeschichtlichen Bücher, das ich in letzter Zeit lesen durfte. Ich hoffe, dass sich andere Neugierige von meiner Einschätzung anstecken lassen.
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