"Wenn im Vertraun auf das thrakische Spiel und die klingenden Saiten
Orpheus einst der Gemahlin Geist von den Schatten geholt hat, ..."
(Vergil, Aeneis VI)
Das wichtigste Ereignis in der Mythenbiographie des Orpheus ist der Abstieg in die Unterwelt, um seine Gemahlin zu retten und seine Trauer zu besiegen. Auf Grund der Wirkung seines Gesangs lassen sich die Unwegbarkeiten beseitigen, die Götter überreden mit der Bedingung, Eurydike auf dem Weg in die Oberwelt nicht anzusehen.
Dieses Verbot und der Gesang, der betört, stellt diesen Orpheus-Mythos in eine Verwandtschaft mit Homers Odysseus.
Die Sirenen sind die ungreifbare, verbotene Form der anziehenden Stimme. Nur Gesang, verführerisch ist, was ihre Worte in der Ferne aufscheinen lassen. Die Faszination liegt in dem Versprechen, nämlich zukünftige die Taten des Odysseus zu besingen. Diese Verlockung ist ein leeres Versprechen, eine Täuschung und doch ist sie wahr. Zwar würde das Schiff mit der Mannschaft dem Tod anheim gegeben und doch würde nach dem Tod von den Helden ewig berichtet, ein ewiger Gesang ihre Taten rühmen. Odysseus lässt sich an den Mast binden, hört den betörenden Gesang und geht nahezu lebend durch den Tod. Sich selbst mit Gewalt am Rande des Abgrunds zu halten, heisst ein Leid zu ertragen, um den eigenen Gesang in einer zweiten Sprache erneut zu erheben. Erst so konnte Odysseus von seinen Taten berichten.
Eurydike ist das scheinbare Gegenteil und doch den Sirenen verwandt. Denn sie wird aus dem Schattenreich zurückgeholt durch die Melodie eines Gesangs, der den Tod verführt. Doch Orpheus, der Held, vermag sich nicht ihrem Zauber (dem Gesicht) zu entziehen und damit wird Eurydike das traurige Opfer ihrer selbst. Eurydike gibt mit der Vorhersage der Götter das Versprechen eines Gesichtes, jetzt (sic!) und nicht wie die Sirenen als zukünftiges Versprechen. Orpheus konnte zwar die bellenden Hunde und sonstige unheilvolle Mächte besänftigend verführen, aber auf dem Rückweg hätte er der List des Odysseus bedurft, um Eurydike zu retten. Er erlag frei in der Bewegung der verbotenden Verlockung und lies so das unsichtbare Gesicht Eurydikes endgültig verschwinden. Oder war sein Blick der des Todes, wie der Gesang der Sirenen es war?
Nein, Orpheus ist wie Odysseus, in beiden Fällen löst sich die Stimme zur zweiten Sprache. Odysseus besingt seine Heldentaten, Orpheus gebiert aus dem absoluten Verlust Eurydikes eine immerwährende Klage, jedoch eine mit Stolz. Denn er hatte weniger als einen Augenblick das Gesicht gesehen, ehe es im Dunkeln verschwand. Seine Klagelieder sind Hymen an das Licht, ohne Namen, ohne Ort, ohne Zeit - ewig.
Dass C.W. Gluck den Liebesgott Eros noch bemühte, um Orpheus die dritte Chance mit Eurydike zu geben, ist eine Mythosumkehr. Vielleicht, um von der schwankenden Schwelle des Todes die entschwundene Gegenwart für eine glückliche Zukunft zu gewinnen. Vielleicht ist es auch nur die Musik der Oper, die, den Sirenen ähnlich, nicht den Tod, aber das schöne Leben verheissen soll, ein Gesang in Dur, der jeden in den Bann der Faszination schlägt, der sie hört. Um ihm, dem berauschten Hörer, ein Zeichen zu setzen wie einst Orpheus oder Odysseus, nämlich sich vollendend in neuer Chance die einst todbringende Kraft des Gesangs lebensfreudig ins reine Glück zu kehren.
Wie immer ein weites Feld und Anregung für den geneigten Leser.
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