Filme über engelsähnliche Kinder, unter deren Oberfläche das Böse schlummert, gibt es fast wie Sand am Meer. Mal ist die Qualität außerordentlich hoch und es entstehen Genreklassiker wie "Das Omen", "Das Dorf der Verdammten" oder "Böse Saat", meistens sind solche Filme aber Rohrkrepierer wie "The Unborn" oder das Remake von "Das Omen", die nur alte Klischees aufwärmen.
Doch mit "Orphan" gesellt sich ein herausragender Film in dieses Subgenre und dürfte so manchen mit seiner perfiden und cleveren Machart überraschen. Der Film ist nicht abhängig von typischen Schock- und Ekeleffekten, sondern packt durch einen grandiosen Spannungsbogen, der an Hitchcock erinnert, und starke Charaktere. Zwar ist auch "Orphan" nicht frei von Klischees, doch letzten Endes stören diese im wirklich starken Gesamtbild nicht.
Der Streifen beginnt nach einer albtraumhaften Sequenz ruhig und baut langsam die Charaktere auf und etabliert ihre Situation. Die Protagonisten sind Kate (Vera Farmiga) und John (Peter Sarsgaard), ein erfolgreiches junges Ehepaar mit zwei Kindern. Kate ist allerdings noch traumatisiert durch eine Fehlgeburt und sehnt sich nach einem weiteren Kind. Das Paar sucht ein Waisenhaus auf und findet sofort eine Verbindung zu der für ihr junges Alter ungewöhnlich reif und charmant wirkenden Esther (Isabelle Fuhrman). Begeistert adoptieren sie das junge Mädchen, doch wie nicht anders zu erwarten, stimmt mit ihr etwas nicht. Mehr muss man auch wirklich nicht über die Handlung erfahren, denn es ist enorm packend zu sehen, wie sich die Geschichte entfaltet und mit wirklichen sehr bösen Einfällen schockiert und überrascht.
Schlüssel zum Erfolg des Films sind zu einem entscheidenden Teil die hervorragenden Darsteller. Vera Farmiga (Running Scared, The Departed, Up in the Air) gibt ihrer Rolle eine für das Genre heutzutage nicht mehr übliche Tiefe und Emotionalität. Sie trägt den Film und hat eine starke Chemie mit ihrem Filmgatten Peter Sarsgaard (Jarhead, Garden State, Kinsey), wodurch der Film eine Extradosis Glaubwürdigkeit und Dimension erhält. Wie bei tollen alten Horrorklassikern wie "Rosemarys Baby", "Der Exorzist" oder vor allem "Wenn die Gondeln Trauer tragen" stehen bei "Orphan" die Charaktere im Vordergrund. Man wächst an sie und leidet mit ihnen. Der Film hat auch eine für das Genre recht lange Laufzeit von 122 Minuten, jedoch wirkt der Film nie langgezogen. Er packt einen von Anfang bis Ende und der Spannungsbogen wächst behutsam, aber mit tödlicher Sicherheit bis zum Finale an, das noch mit einer ziemlich starken Wendung aufwartet.
Die Inszenierung von Jaume Collet-Serra, der bislang nur zwei eher schwache Filme (Goal II & House of Wax) abgeliefert hat, ist stark und atmosphärisch. Collet-Serra setzt seinen Film eher naturalistisch und ohne große Spielereien in Szene, wovon das Gesamtbild sehr profitiert.
Doch das wahre Highlight des Films ist die erst 12-jährige Isabelle Fuhrman, die das Adoptivkind Esther spielt. Was sie bietet, kann eigentlich nur als die Kinderdarstellung des letzten Jahrzehnts bezeichnet werden. Mit einer Reife und emotionalen Bandbreite, die meilenweit über ihr Alter hinausragt, raubt sie einem den Atem. Sie portraitiert ihren Charakter auf hundertprozentig glaubwürdige Weise, ist scheinbar ohne jede Mühe in der Lage enorm viele Gemütslagen darzustellen. Wenn sie manchmal den Mund aufmacht oder unsagbare Dinge für ihr Alter tut, fällt einem regelrecht die Kinnlade runter. So was gab es jedenfalls noch nicht und auch den Filmemachern muss man ein Lob aussprechen, so wagemutig und radikal vorgegangen zu sein. Auf dieses Mädchen muss man jedenfalls ein Auge werfen, da ihr mit Sicherheit eine große Karriere bevor steht. Ihr Reifegrad und ihre Leistung ist in etwa zu vergleichen mit Jodie Foster, als sie "Taxi Driver" begeisterte, oder auch von Natalie Potman in "Leon - Der Profi".
"Orphan" ist ganz bestimmt nicht nur eine Empfehlung für Horrorfans. Die realitäts- und charakterbezogene Inszenierung hebt den Film trotz manchmal vielleicht etwas übertriebenem Moment über den Durchschnitt. Mit eine der Überraschungen des Jahres 2009.