Trotz der gehaltvollen Idee der langsamen Transformation des Geschlechts- und Zeitsubjekts Orlando wird der Roman am Ende zunehmend langatmig und kann kaum mehr halten, was er am Anfang verspricht. Die Sprache von Virginia Woolf verliert sich in Abstraktionen und Phantasmagorien Orlandos und die Erzählung wird zunehmend unkonkret. Im Grunde ist auch kaum etwas passiert, da Orlando nur wenige Erlebnisse innerhalb dieser massiven Zeitspanne hat. Nähme man nur die als Geschichte deklarierte Zeit als Folie, immerhin 400 Jahre, dann ist das Leben Orlandos geradezu langweilig und nichtssagend, weil es sich nicht auf das europäische Leben dieser Zeiten bezieht, sondern in philosophischen Reflexionen und Weltanschauungen zwischen Liebe, Literatur und Leben erbricht. Vielleicht fehlt auch etwas sehr Essentielles, nämlich wie und in welcher Weise Orlando durch seine soziale Umwelt bewertet wird. Es ist als ob er/sie die Geschlechtlichkeit nur als äußere Hülle verlieren würde. Wo aber genau die Qualitäten dieser Verwandlung liegen, wird kaum erarbeitet. Außer der Geschlechtstransformation passiert inhaltlich wenig und da sich der Mensch an Ereignissen, kollektiver und subjektiver Art, orientiert, verwundert das, für mich, schwache Ende auch nicht, es ist in gewisser Weise ereignislos. Dennoch gibt es großartige Sprachspiele und wunderschön zu lesende Parabeln in diesem Buch, die man gerade als lebensphilosophische Reflexionen lesen kann. Ebenfalls macht das Buch keinen Hehl aus bestimmten Weltanschauungen und so darf Orlando am Anfang der Erzählung auf einem Mohrenschädel herumhauen.
Im Grunde ist das Paradox dieses Romans, dass er mit der Zeitrechnung brechen möchte, sich selbst aber gegen jede Darstellung von Zeit sperrt und diese auf die subjektive Erfahrbarkeit herunterbricht.
Ich empfehle das Buch zu lesen, aber halte es für überschätzt.