Ich hatte schon im Sommer 2004 Gerüchte gehört, dass eine Hörspielversion des 500 Jahre alten, 4845 Achtzeiler und einige hundert Personen umfassenden italienischen Wahnsinnswerkes "Orlando furioso" ("Der - vor Eifersucht - rasende Roland")kommt.
Meine Befürchtung war, dass sie entweder literarisch abgehoben oder wagnerianisch-pathetisch wie die letzten gereimten deutschen Übersetzungen und die berühmten Doré-Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert ausfallen würde.
Nichts davon! Die mir just zu Weihnachten vorliegenden 5 CDs machen schon von außen einen so tollen Eindruck, dass ich sie augenblicklich ins Herz geschlossen habe.
40 Schauspieler als Sprecher! Merek Becker, Lamprecht, Traugott Buhre ... Und dann die voll auf dem Punkt sitzende Ankündigung (Zitat von der CD-Hülle:) "Der Stoff, aus dem der 'Herr der Ringe' geschmiedet wurde" (SIC!)
Ebenso liebevoll gestaltet auch die Innenseiten. Hier jedoch ein großer, wenn auch produktionstechnisch verständlicher Kritikpunkt. Das an sich hübsch gemachte und informative Beiheft ist aufgrund der winzigen Grafikerschriftgröße leider nur mit der Lupe lesbar.
Aber dann die ersten Hörproben (sehr gespannt, aber auch ein wenig zagend, denn immerhin habe ich selbst zwei Jahre lang Tag für Tag an der ersten deutschen Prosaübertragung dieses gewaltigen Stoffes gearbeitet, die dann im Sommer 2002 als umfangreicher Roman erschienen ist).
Wie würde eine Institution wie der WDR mit dem vor Eifersucht wahnsinnig werdenden Basis-Rambo Orlando, dazu Zauberern, angeketteten nackten Jungfrauen, Hippogryphen, Orcas, Mondfahrten von Rittern mit einem Raumschiff aus dem Alten Testament, einem Dutzend blonder (!) Prinzessinnen, mehr Hauptpersonen als in einer Vorabend-Soap und der ganzen damals bekannten Welt von Frankreich bis Damaskus, China bis Island und von Skandinavien bis zum Paradies-Berg südlich der Sahara als Schauplätzen umgehen?
Die Antwort: Hervorragend! Super! Ich umarme euch! Schöner und begeisternder kann man es nicht machen!
(Nebenbei: einige Kritiker werden wieder an der "historischen Wahrheit" der Geschichte zu mäkeln haben, weil Paris nie die Hauptstadt Karls des Grossen war usw. Vergessen wir's!)
Insgesamt: Ich bin glücklich, diese Höspiel-Stunden erleben zu dürfen. Auch wenn sie anders aufgebaut sind und der Urstoff viel mehr gestrafft und gekürzt werden mußte als bei einer möglichst quellengetreuen Romanversion, weiss ich, wie viel Begeisterung, Liebe zum Deteil und letztlich Arbeit von allen Beteiligten (die man hier gar nicht einzeln lobend erwähnen kann)nötig ist, um ein so wunderbares Ergebnis zu erzielen.
Nochmals: 5 Sterne für einen Meilenstein!
PS
Einer der vielen wohl durchdachten Einfälle bei dieser Produktion ist für mich z.B. die Besetzung von Friedhelm Brebeck als Berichterstatter im großen Krieg zwischen Christen und Sarazenen (Mohammedanern) vor dem eingeschlossenen Paris. Sehr gut, erinnert sofort an die wunderbaren, schon legenden Hörbilder von Radio Tyros im SFB.