Mit Orlando furioso ist Thomas R.P. Mielke etwas gelungen, was man eigentlich nur aus der Filmbranche kennt: Er hat eine Neuverfilmung vorgelegt.
Bei Filmen besteht jedoch das Problem, daß Neuverfilmungen meistens bei weitem nicht an das Original heranreichen können. Im Gegensatz dazu hat Thomas R.P. Mielke etwas nicht nur neu abgeschrieben, sondern ein fünfhundert Jahre altes literarisches Meisterwerk von Ludovico Ariosto in Romanform für uns Sterbliche leicht verständlich und unterhaltsam neu erzählt.
Laut Umschlag handelt es sich bei Orlando furioso eher um einen historischen Roman, der zur Zeit Kaiser Karls dem Großen spielt, handelt. Aus diesem Grund hatte ich wohl anfangs etwas Schwierigkeiten dem Roman zu folgen. Nach und nach merkt man jedoch, das es sich eigentlich mehr um einen klassischen Fantasy-Roman handelt. Sobald man das erkennt, macht es erst richtig Spaß der Geschichte des Buches zu folgen.
Vielleicht sollte ich hierzu eine kurze Erklärung liefern: In meinem Fall ist es so, daß ich je nach Genre mit unterschiedlichen Grundeinstellungen an Bücher herangehe.
Bei einem Fantasy-Roman erwarte ich gute Unterhaltung, die jedoch keinen Anspruch auf Authentizität der handelnden Personen und Orte erheben muß.
Lese ich jedoch einen historischen Roman, erwarte ich jedoch auch, das zumindest ein Großteil der teilnehmenden Orte, Personen oder Rahmenbedingungen echt ist.
Bei Orlando furioso hatte ich anfangs diese authentische Erwartungshaltung und war doch etwas verwundert. Nach und nach schwenkte ich gedanklich um in die Fantasy-Ecke meines Gehirns. Und siehe da: Thomas R.P. Mielkes Unterhaltungsroman macht einfach Spaß.
Orlando furioso einfach als die Geschichte des rasend gewordenen Orlando zu betrachten wäre sehr undankbar. Das Buch bietet erheblich mehr: In diesem Roman werden unwahrscheinlich viele eigenständige Geschichten geöffnet, die je nach persönlicher Neigung für sicherlich viele Leser die ein oder andere Lieblingsgeschichte innerhalb eines Romans enthält und ohne Probleme auch separiert zu lesen ist.
In welcher Zeit Orlando furioso spielt ist nebensächlich - könnte ohne Probleme jede Zeit sein, die es bisher gab oder noch geben wird. Aus historischer Sicht stimmt sowieso wenig, was ja wie oben erwähnt mit der aufgesetzten Fantasy-Brille wieder egal ist.
Das Interessante bei Orlando furioso ist eigentlich, daß man vieles kennt oder einem zumindest sehr bekannt vorkommt.
Das liegt daran, weil man bei Orlando furioso das Gefühl hat, daß jemand alle bisher bekannten Sagen und Legenden in einen großen Topf geworfen hat, eine Brise geschichtlicher Hintergrund dazu, die zeitliche Gleichsetzung aller Legenden dazu, alles stark umgerührt und als einen einzelnen Roman veröffentlicht hat.
Das ist extrem „witzig" und steigert den Unterhaltungswert des Romans und seiner von Ariosta geschriebenen Grundlage erheblich.
Warum die Originalvorlage bereits von Tolkien verehrt wurde, ist somit leicht verständlich. Er hat wohl auch einige seiner Ideen bei Ariosta „geborgt".
Es kommt in diesem Buch wirklich alles bekannte vor: fliegende Pferde, Zauberer, Ritter, Burgen, Zauberschwerter, Zauberrüstungen, unverletzliche Kämpfer oder Ritter, usw. usw. usw. - sogar Orks kommen kurz vor (die wohl Tolkien gut gefallen haben...).
Alles in allem sollte man Orlando furioso als einfachen, lockeren und nicht ernst zu nehmenden Unterhaltungsroman betrachten. Ich denke, mehr Anspruchsdenken erhob auch der ursprüngliche Autor nicht und dabei sollte man es auch belassen.
Kurzum: Ein wirklich guter Fantasyroman, mit viel Ehre (sehr, sehr, sehr viel Ehre), Ritterkämpfen, Liebe, Eifersucht, fantastische Figuren und großem Unterhaltungs- und Spaßfaktor. Außerdem auch mal gut: ohne erhobenem Zeigefinger.
JS / 16.05.03