Ich habe mir so ziemlich alle Opern Vivaldis, die auf CD erhältlich sind, angehört, und mir hat diese Aufnahme von "Orlando furioso" ausgezeichnet gefallen. Viel besser als die Aufnahme von Claudio Scimone mit Marilyn Horne, die in den Rezitativen stark gekürzt ist und die nicht authentisch gesungen wird.
Da ist zunächst einmal die Handlung:
Die Handlung vieler Barockopern spielt in obskuren Herrscherhäusern, ist äußerst verwirrend und vermag uns kaum zu interessieren. "Orlando" ist vom Thema her auch für moderne Hörer interessant, denn dass jemand aus verschmähter Liebe "ausrastet" ( = furioso), soll es ja auch in unserer Zeit noch geben. Außerdem wird die Handlung durch teils leidenschaftliche Rezitative vorwärts getrieben und tritt nicht auf der Stelle wie in vielen Barockopern. Das Ende ist realistischer als das vieler Barockopern: Auch nach der Zerstörung von Alcinas Reich verschwindet das Böse nicht aus der Welt; Alcina, die Verkörperung des Bösen, verschwindet vielmehr in die Unterwelt.
Die Musik gehört zum Besten, was Vivaldi zu bieten hat, denn immerhin hat er 13 Jahre lang an diesem Werk gefeilt: wunderschöne Melodien (man höre die Nr. 24 aus der angebotenen Auswahlliste: "Sol da te, mio dolce amore"), großartige, abwechslungsreiche Orchesterbegleitung der Arien und Rezitative, Duette und Chorszenen (Jagdhörner).
Die Aufnahme stammt aus einem Projekt zur Wiederbelebung von Vivaldis Opernwerken, die Sänger, die auch in anderen ausgezeichneten Aufnahmen von Vivaldis Werken mitwirken, haben die zu Vivaldis Zeit übliche Gesangstechnik studiert, so dass die Aufnahme authentisch und idiomatisch klingt. Ruggiero, von dem bekannten Countertenor Philippe Jaroussky gesungen, wirkt einfach authentischer als der Bariton Bruscantini in der Aufnahme mit Claudio Scimone. Alle Sänger sind mit großer Leidenschaft bei der Sache.
Das Ende des 2. Aktes gehört zu den großen Szenen der gesamten Opernliteratur: Es ist für Orlando unfassbar, dass er von seiner geliebten Angelica hintergangen wurde und seine Gefühle schwanken zwischen Wut, Hass, Verzweiflung, Trauer und Rachsucht, bis er schließlich wahnsinnig wird. Ald diese Stimmungsschwankungen werden in Vivaldis Partitur und in der Interpretation der Altistin Marie-Nicole Lemieux großartig zum Ausdruck gebracht. Auch die späteren Wahnsinnsszenen (wie häufig bei Wahnsinnigen hat Orlando auch lichte Momente) werden eindrucksvoll gestaltet.
Auch der Humor kommt nicht zu kurz: Er umarmt die Statue des Zauberers Merlin und hält sie für seine geliebte Angelica: "Oh quanto è dura!" (Wie hart sie ist!) "Intirizzita è certo di paura" (Die Angst hat sie verhärtet). Er hebt die Statue in die Höhe. "Non temer, no, cor mio, ti stringe Orlando al sen." (Fürchte dich nicht, mein Herz, Orlando drückt dich an die Brust.)
Wem diese Aufnahme nicht gefällt, der ist für die Barockoper verloren.
Ich empfehle, die angebotenen Musikbeispiele anzuhören und empfehle u. a. No. 29: "Vorresti amor da me".