In dem Roman "Orkneys Söhne" von Anja Thieme wird die Artus-Sage nicht nur aus einem ungewohnten Blickwinkel geschildert, sondern einfach auf den Kopf gestellt. Für Kenner der "Nebel von Avalon", an dem sich das Buch eindeutig orientiert, eine echte Überraschung. Diesmal aus der Sicht eines Mannes geschildert, klingt die Geschichte neu und ganz anders. Wer nun wirklich die Guten und die Bösen sind, sei dahingestellt. Es schadet nie, eine Geschichte oder Legende von unterschiedlichen Seiten zu betrachten. Der Leser mag dann selber entscheiden, welche Version für ihn die "wahre" ist.
Leider kann man nicht umhin, "Orkneys Söhne" mit den "Nebeln von Avalon" von Marion Zimmer Bradley zu vergleichen. Die Parallelen sind nicht zu übersehen. Auch dann nicht, wenn die Handlungen voneinander abweichen. Eigentlich sollte man beide Bücher lesen, um einen Überblick zu bekommen und nicht einer einseitigen Schilderung ungeprüft den Vorzug zu geben. Manches versteht sich nach der Lektüre beider Bücher besser.
"Orkneys Söhne" ist nicht so tiefgreifend und vielschichtig wie die Fassung von Marion Zimmer Bradley, dafür leichter zu lesen. Die handelnden Figuren erscheinen anfangs oberflächlich und sehr einseitig. Feine Nuancen und Schattierungen fehlen, die Charaktere wirken farblos und sind nicht besonders fesselnd. Der Leser bleibt Beobachter, statt am Geschehen teilzunehmen.
Das ändert sich dann im letzten Teil. Plötzlich werden die geschilderten Personen lebendig und der Leser wird vom unbeteiligten Beobachter zum Miterlebenden. Es gibt dann durchaus gelungene Passagen mit einem Hauch von Romantik und Geheimnis und einen Einblick in die Gefühle der verschiedenen Charaktere. Der Leser kann nun verstehen und nachempfinden, was diese bewegt und zum Handeln zwingt.
Und wer anspruchsvollere Liebesromane mag, bekommt durchaus etwas geboten.