Dr. John's Exotik ist ja an sich schon so faszinierend, dass sie mehr als eine Entdeckung wert ist. Aber wenn man dann zum Spartarif, 5 wirklich großartige und eigenwillige Alben von ihm zusammenfasst, sollte das ein doppeltes Argument sein, sich ihm endlich mal zu widmen und seine Feinheiten zu entdecken.
Man hört im Zusammenhang immer wieder: Voodoo, Creole, cooler R&B, Hitze von New Orleans, nebulöses Feeling, zwielichter Blues... sehen wir uns die Alben im Einzelnen an:
"Gris Gris" (1968), und gleich sein erster Klassiker als Einstand, der schaurig-geheimnisvoll beginnt wie ein Ritual und gespenstische Gänsehaut erzeugt. Danach erotische Straßentänze und insgesamt ein sehr buntes, nahezu unbegreifliches Bild an Klangfarben. Aber immer relaxt ;-)
Cooler Calypso-Blues mit Soul vermengt. Ein fadenscheiniger Krimi-Score aus düsteren Unterwelten.
Fiebrige Riversongs im Jazzfeel; total verdrehter Gospelblues mit Banjo und zuletzt die Afro-Soul-Beschwörung "I walk on guilded Splinters", die einen wiederum in den Sog der Kulturen zieht. Ein unbeschreibliches Album, in wirklich jeder Hinsicht!
"Babylon" (1969), eröffnet mit psychedelischem Roots-Funk und erweist sich als herrliches Gebräu zwischen Tanz und den Grenzen der Wahrnehmung. Danach eine Reggae-Blues Ballade mit leichtem Temptations Touch und tiefen Bläsern! Getriebener Creol-Rock mit passioniertem Gesang folgt, allerlei obskure Instrumente - Jederzeit! Dann Calypso Soulblues als Semi Hit verpackt - der Gesang aber jederzeit rauh und ergriffen. Es folgt die windschiefe Soul Ballade "Twilight Zone", die auch Tom Waits gefallen könnte, aber was sind das bloß für Arrangements... Verrückt!
Nochmal ein souliges, fluffiges "Sonnen-Stück", das von Patrioten handelt ;-) und zuletzt programmatisch "The lonesome Guitar Strangler". Ein intensive Outlaw Ballade, gitarrenlastig und schön und gewohnt merkwürdig umgesetzt - Genial. Sicher ist "Babylon" kein erwiesener Klassiker für die breite Masse, aber wenn man es in dem Rahmen entdecken darf, wird man es langfristig lieben lernen, daran besteht kein Zweifel. Ein stark unterschätztes Werk, das etwas mehr Zeit braucht um richtig zu greifen.
"The Sun, Moon and Herbs" (1971), dann wieder ein Album, so verlockend wie sein Titel.
Dazu muss man nicht mehr viele Worte verlieren: Bis auf den auffällig beschwingten zweiten Titel kriecht der Doktor wieder mit einer bestechenden Stilsicherheit durch die coolen Stimmungsbilder seiner eigensinnigen Kreationen. Seine Entspanntheit und die entstehenden Untiefen muss man gehört haben. Auch bei diesem Klassiker fällt es sehr schwer, ihm nicht vollständig zu verfallen. Ein heißes Gebräu aus den besten Zutaten. Damals sicherlich weit der Zeit voraus, heute "nur noch" zeitlos ;-)
"Gumbo" (1972), fällt ein wenig aus der Reihe, allerdings nicht qualitativ. Auch dieses Meisterstück hat seinen eigenen Status und seine Berechtigung. Es scheint, als wäre der Geist von Ray Charles, in all seinen Facetten, in Dr. John gefahren und hätte ihm befohlen: Wir machen jetzt ein Soul Album, aber mit all deinen verrückten New Orleans Zutaten! Diese Botschaft wurde großartig erhört und vertont. Von der schmissigen Upbeat Nummer bis zur packenden Ballade kommt hier alles zu Ehren und die Umsetzung ist einfach nur klassisch. Es gibt hier keine psychedelischen Geisterbeschwörungen, aber die Essenz bleibt vollständig erhalten. Große Kunst lebt ja auch davon, nicht ständig auf der Stelle zu treten. Ein erstaunlich souveräner Künstler mit traumwandlerischer Stilsicherheit.
"In the right Place" (1973) sorgt für den krönenden Abschluss. Mit den Meters als Backing Band regiert hier wieder mehr der wohltemperierte Funk, teils zwar eingängig und straight, aber dennoch mit reichlich Widerhaken und schmutziger Stimme und Leidenschaft vorgetragen. Das Album birgt sogar einen "Charthit", aber das fällt nicht negativ auf. Man muss der Platte aber auch einen gesunden Schuss Bluesrock-Feeling attestieren. Sicherlich nicht im Klischeeformat und schon speziell, aber auch hier nicht so stark verstiegen, wie auf den ersten beiden Werken. Im Grunde ist "Right Place" eine tiefgründige Goodtime-Scheibe. Und wieder fasziniert diese sagenhafte Wandelbarkeit des Doc. Ein großartiger Ausklang einer rundum gelungenen Box.
Abschließend fällt es sogar sehr schwer hier einen Favoriten zu ernennen. Ich würde eher sagen, für fast jede Stimmung findet man hier eine tolle Entsprechung. Es gibt sicher nicht viele Sets, die soviel künstlerischen Wert bieten und von der Vielseitigkeit einmal ganz zu schweigen...
Höchste Empfehlungsstufe und ganz viel Genuß mit dieser tollen Musik wünsche ich!