Es ist erfreulich dieses Buch zu lesen. Die Begeisterung der Autorin für Origenes wirkt ansteckend, denn Origenes selbst war ein begeisterter und auch heute noch begeisternder Christ. Beim Lesen spürt man nicht nur die profunden historischen Kenntnisse der Autorin und ihr eigenes Ringen um Wahrheit sondern auch ihre Begeisterung für diesen großen Theologen des frühen Christentums, vielleicht sogar des größten, den die Kirche je hatte.
Das Buch hat zwei Teile. Im ersten wird die Lebensgeschichte des Origenes erzählt. Es wird berichtet von seiner Jugend in Alexandrien Ende des 2.Jahrhundert, der Einbruch als sein Vater, ein bekennender Christ, der Christenverfolgung zum Opfer fällt. Der Leser spürt geradezu den schier grenzenlosen Bildungsdrang des Origenes, wie er zeitlebens Lehrer und Schüler zugleich sein wollte. Wir erleben die Dankbarkeit derer, die seine Schüler sein durften und wie er unter seinen Zeitgenossen zur Autorität schlechthin in Fragen des christlichen Glaubens wurde. Wir erleben aber auch mit, wie seine visionären Gedankenausflüge anderen zu weit gingen. Besonders seine Vorstellung erregte Unmut, dass durch die Erlösungstat Christi alle gefallenen Wesen, also auch die schlimmsten Höllenbewohner wieder zu Gott zurückgeführt werden. Der Leser erlebt mit, wie sich das Verhältnis Origenes zu seinem Bischof verschlechterte und er schließlich nach Cäsarea zog, wo er hochwillkommen war und dort seine produktive Arbeit fortsetzen konnte. Schließlich muss der Leser miterleben wie Origenes selbst von einer neu einsetzenden Welle der Christenverfolgung erfasst wird. Nach seiner Freilassung stirbt schließlich Origenes bald an den Folgen der Folterungen ohne weitere Schriften hinterlassen zu haben.
Die Autorin hat es geschickt verstanden die Lebensgeschichte Origenes mit dessen Gedanken anzureichern und so entsteht im Leser ein deutliches Bild dieser kraftvollen Persönlichkeit.
Im zweiten Teil des Buches möchte die Autorin dem Leser die Theologie des Origenes auch einem Nichttheologen näher bringen und greift dabei auf die in der Antike beliebte Form des Dialoges zurück. In 9 Gesprächen erklärt Origenes einem Mensch von heute, einem Schüler von damals und einem Freund seine Theologie. Der Leser muss allerdings in diesen Dialogen auf eine Darlegung der umstrittenen Aussagen von Origenes verzichten. Gedanken wie "Der Grund für die Existenz der materiellen Welt liegt in einem Sündenfall der reinen Geister" oder das oben erwähnte Thema "Durch die Erlösungstat Christi werden alle gefallenen Wesen, also auch die schlimmsten Höllenbewohner zu Gott zurückgeführt werden" hat die Autorin nicht in die Dialoge einbezogen. Zumindest gestreift wurde das Thema "Auch Menschen sind gefallene Engel" das wiederum mit dem Thema der "Präexistenz und Wiedergeburt" eng zusammenhängt.
Dem Buch tut dieses Nicht-Einbeziehen der visionären Origenesaussagen einen gewissen Abbruch. Man sollte aber dabei wissen, dass diese umstrittenen Gedanken des Origenes in seinem Werk "peri archon" stehen, das im Original nicht mehr vorhanden ist. Die Textrekonstruktion konnte nicht immer die vielleicht ursprünglich klaren und nachvollziehbaren Gedankengänge wieder hervortreten lassen, so dass eine Darlegung durch die Autorin notwendigerweise ein gut Teil subjektive Spekulation beinhalten müsste.
So sehr uns die Autorin Origenes als Person näher bringen kann, so kann sein wirkliches Denken nicht umfassend erschlossen werden, nicht nur wegen der erwähnten Quellenlage, sondern vielleicht auch weil er seiner damaligen und selbst unserer heutigen Zeit schon weit voraus war.