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Über neuere Disziplinierungsversuche
Von Uwe Justus Wenzel
Auch Begriffe sind Schall und Rauch. Dienen sie zur Bezeichnung von akademischen Disziplinen, dann freilich könnten der Schall und der Rauch, der sie umgibt, auf Gefechtslärm deuten, darauf, dass Claims abgesteckt, Reviere demarkiert werden. Das Vokabular aus dem Wörterbuch des rationalen Eigeninteresses der Jäger, Sammler und Krieger allerdings sollte nicht zu der Unterstellung verleiten, es sei klar und deutlich, was da verteidigt oder erobert, abgezirkelt und definiert werde (es sei denn, man wollte sich, schnöde, auf schiere personale Subsistenzsicherung, auf Macht- und Gelderwerb als auf die «eigentlichen» Interessengebiete kaprizieren). Im Fall der sogenannten Kulturwissenschaften, die im deutschen Sprachraum und in der zugehörigen Academia mit den «althergebrachten» Geistes- und Sozialwissenschaften um jene Gelder konkurrieren, die Natur- und Technikwissenschaften ihnen übrig lassen, ist es sogar äusserst zweifelhaft, dass ihr Gegenstandsbereich eine einigermassen umrissene Identität besitze. Nicht einmal der blosse Wortkörper hat eine fixe Gestalt.
PLURAL ODER SINGULAR?
«Kulturwissenschaften» oder «Kulturwissenschaft» Plural oder Singular: Das scheint eine Frage zu sein, die manche kulturwissenschaftlich sich Betätigende mehr und mehr beschäftigt. Grob könnte man so unterscheiden: Wer sich mit dem Plural begnügt, hält auf Distanz zu dem Problem der «Einheitlichkeit» einer Disziplin und betreibt in dieser Distanz seine historisch-philologischen Studien, seien sie näherhin wissenschafts- oder technikgeschichtlicher, kultur- oder naturhistorischer, kunst-, literatur- oder medienwissenschaftlicher Provenienz. Der überkommene Fächerkanon wird nicht ausser Kraft gesetzt, aber auch nicht als schützenswertes Gut dem Weltkulturerbe inkorporiert. Das Adjektiv «kulturwissenschaftlich» chiffriert dabei einen Denkhabitus der Offenheit, Elastizität und Lebensweltnähe. (Der Vorgänger dieses Habitus hörte auch auf den schwerfälligeren Namen «Inter-» oder «Transdisziplinarität». Seine Schrumpfform artikuliert sich in dem Forschungsmotto: Es gibt so manches Interessante.)
Wer hingegen den Singular «Kulturwissenschaft» bevorzugt es dürfte noch immer die kleine und radikale Minderheit sein , will zumindest mehr. Wie viel das und ob es erreichbar sei, steht, auch nach einem Jahrzehnt forcierter Institutionalisierungsbestrebungen, durchaus dahin. Zu diesem Ergebnis kommen auf ihre Weise auch drei Freunde des Singulars: Hartmut Böhme, Peter Matussek und Lothar Müller. Ihr Einführungsband «Orientierung Kulturwissenschaft» sagt es im Untertitel so: «Was sie kann, was sie will». Dass die Autoren den Singular nicht aufgeben wollen, ist ebenso offenkundig wie das Fehlen eines Arguments, das für ein solches Wollen spräche. Das überaus heterogene Spektrum der Traditionen, Themen und Methoden von der Historischen Anthropologie über die Völkerpsychologie bis zur Psychoanalyse, von der Mediävistik bis zu den Cultural Studies , das Böhme, Matussek und Müller gekonnt und instruktiv auffächern, spricht gewiss nicht schon dafür.
Das «ungeklärte Nebeneinander» von Singular und Plural, von Essenz und Ferment, lässt sich kaum durch den programmatisch gemeinten und programmatisch bleibenden Verweis auf die «Einsicht» klären, das «moderne Konzept» von Kulturwissenschaft kenne «nur ein Apriori», nämlich das «historische Apriori». Wieso eigentlich dürfte die neue Disziplin dann nicht «Geschichtswissenschaft» heissen? Mit dem Postulat, auch «Natur» müsse als Kultur verstanden, als «kulturell konstruiert erkannt» werden, ist jedenfalls nicht schon die Notwendigkeit eines neuen Faches formuliert, geschweige denn dessen Innenausstattung gewonnen. (Die Frage, ob dies Postulat überhaupt verstehbar sei und, wenn ja, ob es dann mehr als eine Trivialität zum Ausdruck bringe, ist damit noch gar nicht berührt.)
In einer Situation, in der Ambitionen und Prätentionen überwiegen, mehrheitsfähige Definitionen und Konventionen aber rar sind, liegt es nicht fern, den Freunden des Singulars bei dem genauer zuzusehen, was sie tun und sagen, wenn sie über «Kulturwissenschaft» nicht nur reden, sondern sie betreiben. Friedrich Kittler tut in seinem neuen Buch, das einer an der Humboldt-Universität zu Berlin gehaltenen Vorlesung entwachsen ist, beides: Er spricht über Kulturwissenschaft in kulturwissenschaftlicher Perspektive und Absicht. Wie sähe diese Wissenschaft aus, so liesse sich eingedenk des «historischen Apriori» fragen, wenn Kittler sie mit seinem Kolleg schreibend und redend hervorgebracht hätte?
Sie pflegte einen Kanon «unersetzlicher Texte», der mit Giambattista Vicos «Scienza Nuova» (1744) nicht erst begänne und mit den Schriften des Informationstheoretikers Alan Turing nicht schon endete; einen Kanon des Weiteren, der ohne Hegel und Heidegger nicht auskäme. Die neue Wissenschaft kultivierte zudem gewisse nicht eben nonkonformistische Aversionen: gegen Soziologie, gegen «Amerika», gegen Cultural Studies (Plural!), gegen politische Korrektheit. Sie frönte einigen Passionen, die ihren Auslauf gewissermassen im Stilistischen und Methodischen hätten: der Ironie, mehr noch dem Sarkasmus, dem anekdotischen Glossieren (alias «Kontextualisieren») der heiligen Texte sowie dem hier vorläufig und unschön so genannten Reduzieren dem «Zurückführen auf . . .».
Der Reduktionismus, ohne den keine Disziplin eine ist, wäre selbstredend mehr als eine Passion. Er motorisierte die «Kernkompetenz» der neuen Wissenschaft und führte auf ihren eigentlichen, Natur und Kultur integrierenden Gegenstand: auf die Technik; genauer: auf die Nachrichtentechniken; noch genauer: auf die dem Vater aller Dinge sich verdankende Entwicklung der Medientechnologien (Speichern, Übertragen, Berechnen). Die kriegsbedingte Evolution technischer Medien «evolviert» auch die Kulturgeschichte der Kulturwissenschaft, die Kittler skizziert. Diese Skizze, die als solche hier nicht zu würdigen ist, versucht teils ausdrücklich, teils zwischen den Zeilen glauben zu machen: Kultur und Technik sind, als Kinder des Krieges, «letztlich» eins. Und dieses Eine, das sie sind, rechtfertigt, «letztlich», auch den Singular einer Kulturwissenschaft? Friedrich Kittler wirft die Frage nach dem Grund der Einheit und Einzigkeit der Disziplin, in deren Namen er das Wort ergreift, gar nicht erst auf.
FAIBLE FÜR HEIDEGGER
Es sieht indes so aus, als borge die im Werden begriffene Wissenschaft ihre Einheit von der Philosophie, namentlich von Hegel und von Heidegger, den kanonisierten Heroen. Oder klingt es eher nach Annexion philosophischer Immobilien, wenn Kittler schreibt: «Ontologie, so könnte man zu sagen wagen, fällt schliesslich mit Kulturwissenschaft zusammen»? Insbesondere das Faible für Heidegger überrascht jedenfalls nicht. Dessen Spätphilosophie charakterisiert schliesslich die «seinsgeschichtliche» Epoche, in der wir leben, als die der Technik. Einer Technik, die, etwas zu kurz gesagt, über die herrscht, die sie zu beherrschen meinen. Kittler interpretiert Heideggers «Kehre» zur Spätphilosophie nach diesem Strickmuster der Inversion: als «Eingeständnis, dass kein wie auch immer geschichtliches Dasein den Rundfunk hat erfinden können, sondern dass gerade umgekehrt technische Medien wie etwa der Rundfunk über geschichtliche Weisen da zu sein bestimmen».
So viel Geschichtsmetaphysik ist den bereits zitierten Kollegen Kittlers offenbar nicht ganz geheuer. Sie befürchten, in dem «technologischen Ansatz der Medientheorie» nehme eine Bejahung der «Determinationsmacht» medialer Prothesen überhand. Doch wollen sie nicht schwarzmalen und erspüren in Kittlers «pessimistischer Grundtendenz» noch so etwas wie einen «kryptonormativen Appell». Ob pessimistisch oder quasi-pessimistisch oder optimistisch: Mit blossen Gemütszuständen wird sich eine neue wissenschaftliche Disziplin nicht begründen lassen.
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natürlich gehts bei fachdefinitionen auch um gelder, aber ob die durch definitionspalaver mehr fließen sollten als durch eigene fantasie im umgang mit dem fach ist fraglich. das ist ein diskurs an den unis, in den sich dummerweise immer wieder leute reinziehen lassen. den autoren gehts auch nicht so sehr sehr darum.
das buch kommt in einer hochzeit auf den markt als kulturwissenschaft zum modestudium wird, das buch will einfach davor bewahren, das falsche zu studieren, nicht mehr , nicht weniger. es bietet einen überblick wo in deutschland kulturwissenschaft studiert werden kann inkl der jeweiligen schwerpunkte der universitäten - auch fachhochschulen mit richtung klturmanagement werden aufgeführt. das sind viel eher fragen, die dies fach aktuell beschäftigen, nämlich inwiefern und wofür wird realistisch ausgebildet. auch universitäten tendieren dahin den schwerpunkt in die kulturmanagende richtung zu lenken, weniger wissenschaft, mehr markt, das sind wesentlich gravierendere fragen als die, die der kritiker der nzz feuilletonistisch angeht. das buch bietet den überblick, welche schwerpunkte an den verschiedenen hochschulen gesetzt werden.
DANN kann man inhaltlich diskutieren, DIES buch will aber nur einen überblick geben. natürlich stehen die autoren auch für eine bestimmte art von kulturwissenschaft, derjenigen an der humboldt-universität berlin. allein im sinn einer möglichst großen pluralisierung ist es nicht angezeigt, die versch. formen kulturwissenschaft zu betreiben gegeneinander auszuspielen.
der kritiker der nzz führt kittler an, der kein kulturwissenschaftler ofiziell ist, sondern am institut für ästhetik lehrt, sein akademisches giften gegen die cultural studies spricht viel eher für eine kulturwissenschaft im singular. kittler ist nicht so liberal wie die autoren dieses buches. es kann aber nicht um das errichten von dogmen gehen.
dies buch aber ist zunächst nichts weiter als eine orientierungshlfe im modestudium kulturwissenschaft, was gerade im modestudium dazu dient, die richtige universität für die eigenen interessen zu finden.
eine wichtige person als vertreterin der kulturwissenschaft im singular vergisst der nzz-vertreter nonchalant. auch christina von braun lehrt am kuwi-institut der humboldt uni, sie war maßgeblich daran beteiligt, als erste in deutschland einen eigenen gender studies studiengang auch an der humboldt-uni aufzubauen. anhand diese studiengangs ohne eigenes institut, über mehrere fakultäten veteilt lässt sich schön ablesen, was pluralität im singular sein kann.
ein wichtiges kriterium kulturwissenschaft zu studieren und dann zu betreiben ist sicher "fremd werden" (eben christina von brauns motto). nicht im trott gehen. mut haben, dinge anders zu machen, anders zu sein. nicht auf anerkennung schielen und diese zum maßstab machen. das hat sehr viel mit der frage singular oder plural zu tun. nämlich dann wenn plural auch bedeutet, es der eigenen kleinen fachgruppe, des kleinen fachzweiges recht zu machen. es besteht dann die große gefahr, dass nur dieser fachzweig bedient wird, mit wissenschaft hat sowas dann überhaupt nichts mehr zu tun. das ist oft die schwäche der amerikanischen culture studies (und vermutlich meint das auch kittler).
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