Halima, Fachzeitschrift für orientalischen Tanz, April 99, 11. Jahrgang, Heft 2, ISSN 0938-0620, S. 61
... Im Übungsteil untermalen einfache, jedoch deutliche und detailfreudige Strichzeichnungen die beschriebenen Bewegungen. Gut nachzuvollziehende Übungen werden ausführlich beschrieben, hier im praktischen Teil findet dann wohl jede Leserin etwas, was ihr zusagt. Diese schönen Übungsbeispiele könnten auch als Grundlage für einen Workshop oder für eine Gruppe befreundeter Tänzerinnen dienen.
Sehr positiv: zu jeder Übung wird ein passendes Musikstück, CD aufgelistet. Einzelne Übungen können auch ohne die vorhergehenden nachvollzogen werden. ...
Kurzbeschreibung
Auszug aus Orientalischer Tanz und Ekstase, der weibliche Weg zum ' magischen Feuer'. Mit Übungsteil. von Shakti Morgane. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Einst, als wir von jenem Allgeist, den wir Gott nennen, noch nicht getrennt waren, liebten wir den, den wir lieben wollten und es war recht. Auf der Suche nach Nahrung zogen wir mit unserem Stamm umher. Gemeinsam jagten wir, fischten wir, sammelten die Früchte in Wald und Flur und alles wurde untereinander aufgeteilt. Da alles im Überfluß vorhanden war, hatten wir viel Zeit. Die verbrachten wir mit Singen und Tanzen. Und wir lebten friedlich und vor allem fröhlich im Einklang mit uns und unserer Umwelt.
Im Mittelpunkt des Lebens stand die Sippe, und da alle irgendwie miteinander verwandt waren, galt die Fürsorge dem ganzen Stamm. Zum Zwecke des Beieinander-Wohnens zogen die Männer in den Clan ihrer Frauen und blieben dort solange sie und ihre Frauen es wollten. Das Familienoberhaupt in dieser nach Mutterrecht organisierten Gesellschaft war der Bruder der Frau.
Zu bestimmten Zeiten feierten alle Stammesmitglieder mit Musik und Tanz Feste zu Ehren der Ahnen, der Göttinnen und Götter oder der Natur, um es z.B. regnen zu lassen, damit das Getreide wächst oder, um einen Partner zu finden. Frauen tanzten von Kindheit an mit Bauch und Becken, um den Körper auf eine spätere Geburt vorzubereiten und, um die Geburtswehen einer Schwangeren zu begleiten.
Das größte Glück war die Fruchtbarkeit von Wald und Flur ebenso wie die Fruchtbarkeit der Frauen, denn die Ahnen kamen in den Neugeborenen wieder zurück auf die Welt und der Stamm gewann an Stärke durch seine Mitglieder.
Schamanen tanzten außerdem, um die Ahnen bzw. die Göttinnen und Götter oder die Natur bei Entscheidungen um Rat zu fragen, um Inspirationen zu erhalten; wobei Schamanen oft weiblich waren.
Es gab keine Sünde (Sexualmoral), die Menschen lebten im natürlichen Einklang miteinander. Spiritualität und Sexualität waren miteinander verbunden.
So oder ähnlich lebten die Menschen irgendwann einmal. Und bis in unsere heutige Zeit konnte man noch z.B. in der Südsee oder in Amazonien Stämme finden, die einer solchen Lebensweise sehr nahe ka-men.
Dann setzte überall auf der Welt, im Mittelmeerraum möglicherweise um ca. 4000 v. Chr. oder sogar noch früher, allmählich ein Entwicklungsprozeß ein, der im Mittelmeerraum etwa bis zur Antike (6./7. Jh. v. Chr.) andauerte: Mit zunehmendem Anwachsen der Stammesmitglieder und dem häufigeren Aufeinandertreffen von Stämmen, die einander fremd waren, etablierte sich nach etlichen, mit Frauenraub verbundenen, kriegerischen Auseinandersetzungen, ein mit zunehmender Arbeitsteilung und der Notwendigkeit des Seßhaft-werdens einher gehender Güteraustausch (Tauschhandel). Die Männer zogen nun nicht mehr in den Clan ihrer Frauen, sondern holten diese zu sich. Dafür erfolgte an die Familie der Frau für die verloren gegangene Arbeitskraft eine Abgabe als Entschädigung (der Brautpreis). In der Folgezeit ist es für das Anhäufen von Gütern vorteilhaft, Töchter und Schwestern an Männer abzugeben, die einen hohen Brautpreis bezahlen können. Damit mußte die "sexuelle Wahlfreiheit" (Buonaventura)!
der Frauen ein Ende haben, und es bildeten sich allmählich Unterschiede in den Besitzverhältnissen der Stammesmitglieder heraus.
Was das Feiern von Festen betrifft, so gehen reiche Familien dazu über, bei entsprechenden Anlässen tanzen zu lassen und nicht mehr selber zu tanzen. Der "Einbruch der Sexualmoral" (Reich) hatte mit der Einführung des Brautpreises begonnen. Sexualität und Spiritualität sind künftig voneinander getrennt, und Sexualität und Wirtschaft sind miteinander verbunden. Frauen werden zu Waren. Sexualität wird käuflich.
Die Erinnerung an den alten Fruchtbarkeitskult bleibt zwar zunächst erhalten, dieser wird jedoch nur noch von Frauen durch Tanz auf hochgelegenen Plätzen zum Zweck der Göttinnenverehrung ausgeübt. Der religiöse Inhalt des Kults: durch wahre Liebe zu Fruchtbarkeit und ewigem Leben; wird durch Symbole in Form von 'Nabelstein' und 'Schlange' ersetzt und allmählich vergessen. Göttinnenverehrung wird zunehmend mit Prostitution (sakrale Prostitution) verbunden. Dann, etwa zur Zeit König Salomos, beginnen sich neue Religionen durchzusetzen, zuerst das Judentum, dann das Christentum und dann der Islam. Mit der Durchsetzung dieser Eingott-Religionen, die einen Zeitraum von der Antike bis etwa 500 n. Chr. (Zeitraum des Römischen Reichs) in Anspruch nahm, entfällt allmählich die Göttinnenverehrung. Die zuerst sakrale Prostitution wird zur profanen Prostitution auch der Flötenspielerinnen und Tänzerinnen. 55 n. Chr. wird im Römischen Reich der letzte Göttinnentempel geschlossen. Das Christentum hat sich im Mittelmeerraum etabliert.
Aber das historische Pendel bewegt sich auch wieder in die andere Richtung. Mit dem Untergang der Stadtzivilisation des Römischen Reiches wird ca. 500 bis 1500 n. Chr. durch die aus Asien kommende, neu einsetzende Völkerwanderung (sog. Barbareninvasion) auf anderer Ebene eine Erneuerung der Kultur nomadisierender Stämme erzeugt. Es entsteht ein inzwischen vergessenes "Weltreich der mythischen Liebe" (Golowin), das von Java und Bali bis zum Norden Europas reicht. Das Rittertum gelangt zur Blüte. Die 'wahre Liebe' (Minnewesen) gewinnt wieder an Bedeutung. Die hohe Stellung der Frau wird zum Teil wiederbelebt. Bei den Nomadenherrschern, z.B. Odin (ca. 500 n. Chr.) oder Djingis Kahn (1154-1224 n. Chr.), besteht der Brauch, möglichst viele schöne Frauen zu ehelichen, zum einen aus politischen Gründen, aber auch, weil man an die Kraft des weiblichen Elements glaubt.
Von jener Zeit erzählen unsere Märchen (z.B. die Geschichte von der Frau Holle). Eine Kultur höfischen Lebens mit Musik, Tanz, Dichtung, Kunst und Wahrsagen und des "guten Herrschers" (Golowin), wie bezeugt durch die Artus-Sage mit den Rittern der Tafelrunde und der Sage von Dietrich von Bern, sind entscheidend für die Machtentfaltung des Hofes und einer Ausdehnung des Reiches. Vor allem gibt es aber 'Weise Frauen', die um alle Dinge von Liebe, Geburt, Leben und Tod wissen und wahrsagen können.
Was die Religionen betrifft, so sind nun alle vorhanden. Die Eingott-Religionen der Stadtzivilisationen ringen mit dem Heidentum aus den Ekstase-Kulten der nomadisierenden Stämme. Denn oberflächlich nehmen die nomadisierenden Stämme zwar die Religion des jeweiligen Herrschaftsbereiches an, den sie erobern, nach außen herrschen z.B. Christentum oder Islam, nach innen wirkt jedoch das Heidentum,