In der jährlichen Rivalität der Konzertmetropolen Berlin und Wien liegt beim Jahreswechsel 2004/2005 die deutsche Hauptstadt klar vorn: Mit einer eigenwilligen und überraschenden Einspielung der Carmina Burana von Carl Orff setzt Sir Simon Rattle ein Fanal in der unübersichtlichen Masse der Tonträger zum orffschen Monumentalwerk.
Rattle, der in der Vergangenheit durchaus nicht bei allen Interpretationen großer Werke der Musikgeschichte eine glückliche Hand bewies, hebt seine Carmina-Burana-Ausdeutung vor allem durch drei Merkmale von dem bisher Bekannten ab: die Wahl der Tempi, unorthodox 'performende' Solisten und brillante Chöre. Positiv fällt in der Choreinstudierung auch die kritische Auseinandersetzung mit der Aussprache der mittelhochdeutschen Texte auf.
Jedes Kind und auch wer sich nicht für E-Musik interessiert, kennt den "O Fortuna"-Chor und kann ihn zumindest mitsummen. Dass "O Fortuna" da noch überraschen kann, verblüfft umso mehr. Rattle versetzt jedem Zuhörer, ob aufmerksam oder nicht, einen gewaltigen Schock, indem er zu dem Fortissimo-Einsatz des letzten Drittels ("Sors Salutis") auch das Tempo anzieht, fast an einen mittelalterlichen Wechsel ins 'Tempus Perfectum' erinnernd (in einem Gespräch nach der Aufführung begründete er dies mit gespielter Naivität aus der Temovorschift der Partitur heraus). Ein packender Effekt!
Am Pult strahlt Rattle danch in den Weiten Stücks große Ruhe aus, gönnt sich die notwendige Zeit und überlässt den Solisten das Rampenlicht. Alle drei erweisen sich als eine ideale Besetzung Wahl gewesen und arbeiten den theatralischen Aspekt des Werks in selten gehörter Weise heraus, was bei vielen Sängern, nicht hier, häufig peinlich wirken kann. Auch mimisch zeigen Sally Matthews, Lawrence Brownlee und Christian Gerhaher ihre Bühnenqualitäten - wer das Konzert besucht oder im Fernsehen mitverfolgt hat wird dies bestätigen.
Im Verbund mit den hochmotivierten und exzellenten Philharmonikern, den perfekt einstudierten Rundfunkchor (Simon Halsey) und den großartigen Knaben des Staats- und Domchores Berlin entsteht so eine Einspielung, die niemals als Referenz, immer aber als so etwas wie eine "Kult-"Aufnahme in die Geschichte eingehen wird. 5 Sterne!