Seit nunmehr anderthalb Jahren tobt der Streit um die sogenannte Extremismusklausel, die Demokratie-Initiativen unterzeichnen müssen, wenn sie öffentliche Fördergelder für ihre Arbeit beantragen. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder baut die "Extremismusprävention" mit Schwerpunkt "Linksextremismus" aus, und der Verfassungsschutz ist nach den neuen Steuerplänen nun bald auch erste und letzte Instanz, wenn es darum geht, ob linke Projekte aus Sicht der Finanzämter gemeinnützig sind oder nicht. Gleichzeitig kann ein Neonazi-Terrortrio über 10 Jahre lang mordend und bankraubend durchs Land ziehen, ohne dass Behörden ihnen auf die Schliche kommen und eine neonazistische Jugendkultur wird vielerorts, insbesondere im ländlichen Raum Ostdeutschlands, stillschweigend geduldet oder gar nicht erst wahrgenommen.
Dies sind nur einige Schlaglichter, die als Konsequenzen eines Denkens im Rahmen des "Extremismus-Modells" gesehen werden können. In 16 sehr gut miteinander verzahnten Beiträgen zeigt dieser Sammelband vielfältige problematische Facetten der verkürzten Weltdeutung "Böse Ränder vs. gute Mitte" in Theorie und Praxis auf. Deutlich wird in mehreren Beiträgen des ersten Teils "Kritik des Extremismus-Modells", dass die politikwissenschaftliche "Extremismusforschung" für ein konservatives Politikverständnis funktional eingesetzt wird. Nicht nur sind ihre demokratietheoretischen Grundlagen zweifelhaft - aus methodischer Perspektive muss ihr eine "Wissenschaft mit der Brechstange" (J. Zimmermann) vorgeworfen werden, indem sie empirische Phänomene entgegen jeglicher Qualitätsstandards der empirischen Sozialforschung in begrenztes Theorie-Korsett zwängt.
Im zweiten Teil "Praktiken" analysieren fünf Beiträge, wie sich das "Extremismus-Modell" auf verschiedene Bereiche der Gesellschaft auswirkt. So wird in Bezug auf staatliche Sicherheitsproduktion zum Beispiel die Konstruktion einer "linksextremen" Gefahr aufgrund zweifelhafter Polizeistatistiken unter die Lupe genommen. Neben einer Gleichsetzung von Links und Rechts stellt sich die Verharmlosung neonazistischer Aktivitäten z.B. in kommunalpolitischen Kontexten als großes Problem heraus. In einem weiteren Beitrag werden rassistische Effekte der "Extremismusprävention" im Bereich "Islamismus" untersucht.
Der dritte und letzte Teil des Bandes enthält fünf Artikel zur Frage nach "Alternativen" zum Verständnis des Politischen bzw. zur Analyse von politischen Spektren. Auch wenn hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, geben die Beiträge eine Fülle guter Anregungen, wie Negativeffekte durch ein "Extremismus"-Problematisierung vermieden werden können und der Fokus stattdessen auf konkrete Probleme wie Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus gelenkt werden kann.
Insgesamt ist der Sammelband mit seinen sorgfältig zusammengestellten und redigierten Artikeln ein wirklich gelungener Beitrag für die theoretische und praktische Auseinandersetzung in diesem Themenfeld. Und das auch über die aktuellen Auseinandersetzungen um "Extremismus-Klauseln", Förderprogramme und blinde Flecken der bundesdeutschen Sicherheitsorgane hinaus.