Red Orchestra 2: Heroes of Stalingrad ist der von den Fans des realistischen First-Person-Shooters "Red Orchestra: Ostfront 41-45" lang ersehnte Nachfolger. Man durfte gespannt sein, denn nicht wenige PC-Magazine stimmten geradezu epische Hymnen auf die Qualitäten des Nachfolgers an. Kann sich RO2 als würdiger Nachfolger des ehemaligen UT2003-Mods präsentieren? Momentan leider nur zum Teil.
The Good: Detailtreue, Spielmechanik, Maps und Spielmodii
Zuerst das Positive: RO2 hebt sich durch eine ungeheure Detailtreue wohltuend von den großen "Blockbuster"-FPS wie Battlefield und COD ab. Die Maps sind fast 1:1 den realen Schauplätzen in Stalingrad nachempfunden, Waffen und Uniformen sind detailliert und realistisch dargestellt. Überhaupt ist der große Anspruch des Spiels, einen möglichst hohen Grad an Realismus zu erreichen. Das gelingt, wie bereits geschrieben, gut bei den Äußerlichkeiten. Die Spielmechanik funktioniert insgesamt gut. Feindfeuer heißt hier tatsächlich Gefahr, und auch der Unterdrückungseffekt durch Feindfeuer wird gut umgesetzt. Es gibt keine regenerierende Lebensenergie; das wäre auch überflüssig, denn zumeist ist der erste Treffer auch derjenige, der den Bildschirmtod bedeutet. Sämtliche Steuerungsfunktionen wie Sprinten, Schießrythmus (Atemtechnik) und Überwinden von Hindernissen gehen nach einigen Spielstunden ins Blut über. Die Deckungsfunktion klappt nach einigen Anläufen auch ganz passabel. Die Steuerung der Fahrzeuge ist ebenso ausgereift.
Die vorhandenen Spielmodii orientieren sich an den genretypischen Standards und beinhalten Territority (Geländepunkte angreifen/halten/verteidigen, je nach Seite und Szenario), Countdown (Team-Deathmatch ohne Respawn) sowie Firefight (TDM mit Respawn). Die beiden letztgenannten Spielmodii werden zumindestens auf den Public-Servern aber eher stiefmütterlich behandelt. Insgesamt bekommt man aber reichlich abwechslung geboten.
The Bad: Teils unrealistische Ausrüstung sowie übermenschliche Fähigkeiten der Soldaten
Leider hakt es an einigen Stellen: Wenn z.B. im Spätherbst 1942 die deutsche Seite immer mit einer nicht geringen Anzahl an Maschinenkarabinern 42 und etlichen Walther G41-Selbstladegewehren kämpft, ist das wohl keine realistische Darstellung der Handwaffenausstattung einer Schützenkompanie. Dem Gameplay selber schadet die Anwesenheit ahistorischer Waffen nicht, aber wenn man den Anspruch hat, in die Gefilden von Operation Flashpoint und CO. aufzusteigen, sollte man hier doch auch konsequent bleiben. Auch treffen die Soldaten nach einem Hundertmetersprint noch genau so gut, als ob sie eine Stunde lang in einer Stellung gelegen haben - es gibt also keine Auswirkung von Erschöpfung und Puls auf die Treffsicherheit bzw. das Führen der Waffe. Ebenso lassen sich auf dem Boden liegende Waffen innerhalb eines Sekundenbruchteils aufheben. Wer es im echten Leben schafft, innerhalb von 0.5 Sekunden eine Maschinenpistole samt Magazintaschen und Magazinen, zwei Granaten sowie eine Pistolen samt Ersatzmagazine aufnehmen und zu verstauen, bekommt von mir ein Eis spendiert und einen feuchten Händedruck. :) Hier wären detaillierte Aufnahmeanimationen deutlich realistischer. im Grunde reden wir hier aber über Kleinigkeiten, die den Spielfluß selber nicht erheblich stören.
The Ugly: Bugs, Crashes und nicht funktionierende Features
Der definitive Showstopper für die aktuell vorhandene Version von RO2 (9/10/11) sind aber die leider immer noch in größerer Zahl vorhandenen Bugs. Auf vielen Rechnern der Mittelklasse und Spitzenklasse läuft das Spiel eher schlecht als recht. Mit einem Crash muss leider bei einigen Maps immer noch gerechnet werden. Die Stats, die den Fortschritt des Spielers messen sollen, funktionieren nach dem letzten Patch für einige Spieler immer noch nicht. Das ist mehr als nur ärgerlich, weil über den Fortschritt auch bestimmte Zusatzitems für Waffen freigeschaltet werden (Bajonette, Trommelmagazine, neue Visierungen). Das ist einen Monat nach dem Release unprofessionell und schadet sowohl dem Ruf der Firma als auch dem des Produktes.
Zusammenfassung:
Spielebegeisterte Hobbyhistoriker mit einem ordentlichen System können auch bereits jetzt blind zugreifen. Auch Fans von RO1 können und sollten zugreifen, allein weil man hier Tripwire unterstützt, die hier ein Produkt für einen Nischenmarkt veröffentlicht haben und fleißig Patches und Updates nachliefern. Wer ein rundum poliertes Spiel erwartet, sollte eventuell noch einige Wochen oder Monate warten. Bis dahin wird das Spiel nämlich auch preislich im Bereich von Software-Pyramide und Co. angekommen sein und viel Unterhaltung für kleines Geld bieten. Schade, dass Tripwire es sich durch den offensichtlich verfrühten Release selber so schwer machen...