Die Klavierkonzerte von Joseph Marx (1882-1964)
- Romantisches Klavierkonzert (1919/20) => 41 Minuten
- Castelli Romani (1929-30) => 32 Minuten
Während seiner rund 40-jährigen Lehrtätigkeit als Professor für Musiktheorie und Komposition in Wien und Graz gehörte Joseph Marx zu den angesehensten und aktivsten Musikpädagogen innerhalb der internationalen Musikgemeinde (neben Nadja Boulanger). Marx, der seine Lieder bis kurz vor seinem Tode oft am Klavier begleitete, war außerdem nachweislich ein exzellenter Pianist. Seine noch lebenden Schüler berichten, daß er selbst die schwierigsten Klavierstücke jederzeit auswendig und fehlerfrei vorspielte. Mit entsprechendem Training hätte aus ihm vielleicht ein Konzertpianist werden können, doch wie man weiß, legte Marx den Schwerpunkt seiner Arbeit von Anfang an auf das Kompositorische und Pädagogische. Insbesondere der enorm anspruchsvolle Klavierpart des Romantischen Klavierkonzerts und die pianistischen Raffinessen im zweiten Klavierkonzert Castelli Romani weisen ihn als Klaviervirtuosen aus. Die ersten Skizzen des unmittelbar vor der monumentalen Herbstsymphonie (1921) entstandenen Romantischen Klavierkonzertes stammen von 1916, doch Marx stellte die Arbeit an der Partitur bis 1919 zurück. Zu dem Zeitpunkt war seine Entwicklung zum Orchestermusikkomponisten bereits abgeschlossen. Als Symphoniker, der häufig auch eigene Werke dirigierte, befaßte Marx sich mit Orchestermusik hauptsächlich bis Anfang der Dreißiger Jahre und schrieb neben der Herbstsymphonie weitere groß besetzte, meisterhafte Orchesterwerke wie die Nordland-Rhapsodie und die Natur-Trilogie.
Stilistisch steht das Romantische Klavierkonzert (1919-20) skandinavischen Klavierkonzerten wie denen von Palmgren und Hannikainen sowie britischen Klavierkonzerten (z.B. Harty und Delius) nahe. Zudem lassen die mannigfaltigen Harmonien desöfteren Anklänge an Scriabin und Debussy durchschimmern und erinnern an die kompositorischen Mittel von Pancho Vladigerov, dem bulgarischen Pendant und Freund von Joseph Marx. Das Werk läßt sich als "symphonisches Duett" zwischen Klavier und Orchester bezeichnen. Das Klavier wird nur selten als gesonderter Klangkörper eingesetzt, sondern ist in die symphonische Gestaltung eingeflochten und wird oft entsprechend seinen farbigen Wirkungen verwendet. Doch dies muß den meisten Pianisten als undankbare Aufgabe erscheinen, denn nur dem geübten Hörer fällt auf, welch enormen Kraftakt der Solist vollbringen muß. Dies dürfte einer der Gründe dafür sein, daß sich anscheinend kaum jemand an dieses herrlich ungestüme, wild-romantische Virtuosenstück heranwagt.
Bei einer seiner Autoreisen in den Süden besuchte Marx, dessen Mutter Halb-Italienerin war, die "Castelli Romani", die Felsenstädte und Ruinen auf den bewaldeten Hügeln bei Rom. Mit seinem hiernach benannten zweiten Klavierkonzert Castelli Romani - Drei Stücke für Klavier und Orchester (1929-30) setzte Marx diesem kunsthistorisch bedeutsamen Ort ein bemerkenswertes Denkmal, wie er es kurz darauf noch ein weiteres Mal mit Auf der Campagna tun sollte (dem fünften Teil von Verklärtes Jahr, 1930-32).
Die Uraufführung fand am 5. Februar 1931 in Darmstadt unter Karl Böhm statt. Der Solist Walter Gieseking brachte in Briefen an Joseph Marx immer wieder seine große Verehrung für dieses sehr virtuos angelegte Werk und seine Dankbarkeit, es spielen zu dürfen, zum Ausdruck. Castelli Romani in Es-Dur ist ein magisches Feuerwerk mediterraner Gefühle und meisterlich instrumentierter Stimmungsbilder. Marx versinnbildlicht hier das Geistesleben der klassischen Kultur der Griechen und Römer sowie der italienischen Renaissance. Seine mit folkloristischen Elementen angereicherten Impressionismen erinnern an Ravel, aber auch an das leidenschaftliche Pagan Poem von Charles Martin Loeffler, während besonders der dritte Satz von Castelli Romani der berühmten Römischen Trilogie von Ottorino Respighi huldigt, mit dem Marx - was kaum mehr überrascht - ebenfalls befreundet war.
Die Klavierkonzerte von Joseph Marx wurden bis Anfang der Achtziger Jahre in vielen Teilen der Welt (z.B. in New York, London, Rom, Budapest, Linz, Prag, Zagreb sowie in vielen Städten Österreichs und Deutschlands) aufgeführt und stets mit Begeisterung aufgenommen. Sie wurden von Solisten wie Jorge Bolet (der das "Romantische" in den Siebzigern entdeckt und es als sein "Lieblingskonzert" bezeichnet hat) sowie Walter Gieseking, Patrick Piggott, Frieda Valenzi, Alexander Jenner, Hans Petermandl, Julius Bassler, Edith Farnadi und Angelo Kessissoglu gespielt, jeweils unter Dirigenten wie Ferdinand Löwe, Felix Weingartner, Karl Etti, Karl Böhm, Clemens Krauss und Oswald Kabasta, sowie in der jüngeren Vergangenheit unter Lior Shambadal, Ali Rahbari, Marek Janowski und Zubin Mehta (der im Jahre 1976 die unvergeßliche US-Premiere des Romantischen Klavierkonzerts in New York dirigierte).
Bereits an dieser Aufzählung von Namen erkennt man, welchen Wert bedeutende Künstler Joseph Marx beigemessen haben. Marx, der als Komponist keinerlei Bezug zur Filmmusik hatte, hinterließ eine Vielzahl berauschender Melodien, die selbst die wildesten Träume Hollywoods in den Schatten stellen. Seine Werke sind eine Bereicherung für das gesamte Genre des spätromantischen Klavierkonzertes und werden hoffentlich wieder häufiger in den Konzertsälen zu hören sein und dank dieser Einspielung als Schätze der Musikgeschichte in den Herzen der Zuhörer weiterleben.
Berkant Haydin