"das erschwiegene Wort!...ausgeweitet..." - ein Titel wie von Ruzicka. Ernst Helmuth Flammers Konzert für Percussion und Orchester währt überschaubare 23 Minuten und zeichnet sich durch ausgedehntere Solo-Passagen aus, die fernöstlich durchdrungen sind und die Schreibweise des späteren Toshio Hosokawa vorweg zu nehmen scheinen. Yuko Suzuki bedient ein offensichtlich riesiges Schlagarsenal, und an denkwürdigen, eindringlichen Momenten mangelt es nicht. Der Kontrabassbogen kommt häufiger zum Einsatz, gerieben. Doch was das Orchester plärrt, quakt und schnäuzt, ist für mich nicht so sehr von Interesse. Bin nicht entflammt und weit davon entfernt zu behaupten, dieses Stück müsse man als Liebhaber von Geschlagenem kennen. Gleichwohl war der Neuen Zeitschrift für Musik, wohl eher einem redaktionellen Fehler geschuldet, zwei Rezensionen dieser CD in zwei verschiedenen Ausgaben wert, und beides Mal gab es sehr hohe Wertungen. Für mich kaum verständlich, aber meine Hörerfahrung ist eben nur die meinige, nicht zwangsläufig übertragbar oder objektivierend. Dass Einführungstexte von Komponisten zuweilen überhaupt keinen Erkenntnisgewinn versprechen, wird hier erneut erkennbar: Was Flammer uns mitzuteilen hat, ist sicherlich ernst gemeint, aber weit weg von der Menschenwirklichkeit des Hörens: "Und dies ist eine erschwiegene und zugleich ausgeweitete Antwort. Das Momentum gerät durch die Erstarrung des Zeitlaufs in den Brennpunkt, erfährt so mehr Bedeutung als Einzelnes, als ihm im Zeitall eigentlich zukäme. Es erfährt wiederum eine Reduktion dieser Bedeutung, indem es neben einer Vielzahl anderer Momente steht. Seine Relativität zum Zeitall wird ins Blickfeld gerückt und damit die Relativität unserer Lebenszeit..." Was Musik alles können soll, ist wieder mal ungeheuerlich. Ein abstrakter Gedanke soll durch abstrakte Musik transportiert werden. Doch dieses Konstrukt findet nur im Kopf des Notensetzers statt, nicht beim Rezipienten. Doch das nur am Rande.
Eine anstrengende, weil ausufernde Erfahrung ist das Cellokonzert namens "Interferenza mente sovrapposizione", trantütige 50 Minuten lang - ein einziger Track. Nimm alles - oder brich ab! Ich habe es drei Mal durchgehalten. Wenn man Musik kürzen könnte wie Theaterstücke, ich würde 20 Minuten entfernen. Zu tilgen wären Passagen, die wie Musik zu dem Film "Forbidden Planet" anmuten, wie ulkige Robogeräusche, die auch schon Ende der 80er ziemlich dated waren und nach IRCAM klingen (gleichwohl nicht dort entstanden sind), darüber hinaus noch die stechenden, blitzigen Blechbläser, die immer wieder mal kurz Lärm machen, dann das fade Orchestergarn, wobei immerhin die Percussion interessante Akzente setzt. Doch lässt sich auch Gutes über dieses Werk sagen: Gemeint sind die längeren, elektronisch aufgeladenen Klangfelder, als würde die Musik extrem verlangsamt ablaufen, was mich an Arbeiten von John Luther Adams erinnert, den Flammer damals wohl kaum gekannt haben wird. Hier kommt die Live-Elektronik wieder ins Spiel, und dem Komponisten gelingen traumartige Sequenzen zwischen Quasi-Stillstand und Schweben über allen Dingen, das Cello verschwindet fast, krächzt und kratzt, das Orchester schweigt dann, ein Fenster öffnet sich zu einer Welt, die nicht ganz echt ist und doch faszinierend in ihrer fein austarierten Reduktion. Was wäre das für ein Stück geworden, hätte Flammer sich darauf beschränkt. Aber er wollte alles, und ich werde spätestens nach der 40. Minute müde, bin abgekämpft nach so viel Celloschrubb und Orchestergroßkotzigkeit. Denn wird das Cello nicht verfremdet, ist die Musik ohne für mich erkennbaren Eigenwert. Auch dem Orchester, selbst in den größten Aufwallungen, entlockt er wenig Originelles. Fünfzig Minuten. Was für eine Anmaßung.