I. Diese Zusammenstellung ist der mit Abstand beste Weg, um die Musik von Sciarrino zu erfahren und vielleicht zu verstehen, sofern es überhaupt darum gehen kann. Vor dem Verstehen kommt die Bejahung. Die Musik als Ausdruck wahrer Empfindung anzunehmen, den Urheber zu respektieren in dem, was er tut, und abwegige formale Ideen nicht als Aberwitz abzutun, nicht als Provokation zu deuten, denn kaum ein Künstler gibt als Antrieb für seine Kreativität an, das Publikum schockieren zu wollen. Ob daraus nun aber ein intuitives Verstehen folgt, hat mit vielen unklaren, nebulösen Dispositionen des Rezipienten zu tun - nicht nur mit eigenen Hörerfahrungen, sondern auch mit der Elastizität eigener formaler Axiome, die man gelernt hat und für richtig hält. So denke ich, dass ein instrumentales, handlungsloses Musikstück unter keinen Umständen länger dauern darf als 60 Minuten. Das ist meine persönliche Vorgabe an ein Werk. Es gibt noch viele andere, von denen ich viele gar nicht genau in Worte fassen kann. Bestimmte Dinge gehen einfach nicht. Sciarrino geht über diese Grenzen hinaus. Das hat mich lange gestört. Instrumente, die nur flüstern, hauchen, ziepen - geht nicht. 100 Flöten, 100 Saxophone, und nur ein Fupen und sachtes Quietschen - geht nicht. Vielleicht deshalb war ich für ihn lange nicht bereit, während Cerha, Boulez und sogar Lachenmann mich durchaus - zumindest zeitweise - erreichen konnten. Jedenfalls wird man die einzigartige Klangwelt Sciarrinos nicht mit seinen Klaviersonaten abstecken können, auch nicht mit seinen Streichquartetten. Er braucht den großen Organismus. Dann wiegt das Schweigen, das Klappern, das Pfeifen, jedes Flageolett umso mehr. Sciarrino zu hören kann in etwa so sein, wie wenn ein Mensch im Jahre 1920, der die Impressionisten gerade noch goutieren kann, abstrakte Kunst praktisch nicht kennt und sich plötzlich mit einem Werk von Malewitsch konfrontiert sieht. Sciarrino war lange Zeit mein schwarzes Quadrat. Nun habe ich endlich kapiert, worum es geht. Zumindest teilweise. Die Sache ist nur die: Darüber schreiben kann ich nicht. Das geht in Bereiche, wo keine Worte mehr sind. Nur vage Annäherungen sind möglich.
II. "Wir wollen nämlich Musik in einem Meta-, oder besser: Proto-Sinne auch 'nicht' verstehen. Musik soll uns nicht (nur) bestätigen, sondern gleichzeitig überraschen, widerständig sein. Nicht-Verstehen im ersten Moment ist die Bedingung dafür, unsere Hör- und Denk-Kategorien zu erweitern (...). Wir wollen, dass Musik uns nicht so lässt, wie wir waren, bevor wir sie hörten." (Simone Mahrenholz, in Neue Zeitschrift für Musik, Ausgabe 4/2011)
III. Das zweiteilige Stück für Flöte und Orchester ("Frammente e Adagio") ist ein furchtbar dummes, lächerliches, hässliches Gebilde, ein Nichts, eine Unverfrorenheit, so etwas abzugeben. Eine Unfassbarkeit, ein Affront. Es ist kein Flötenkonzert, denn Konzerte interessieren Sciarrino nicht. Dabei hat er ein siebenteiliges Werk für Solo-Flöte verfasst, dass ich zwar niemals mögen könnte (es ist reine Artistik), aber doch erstaunlich ist in seinen Ausmaßen, eine Sammlung von Zaubersprüchen, Beschwörungen für ein Instrument, dem Sciarrino sogar noch mehr entlocken kann als Stockhausen für Kathinka Pasveer. Auf die Palme bringt mich nicht die Materialarmut, denn dann würde ich auch "The Viola in my life" verabscheuen. Sondern das Beharren auf einfachem Gepuste und etwas orchestralem Glitter, das nur ausgehalten, niemals genossen werden kann. Das Stück für Klavier mit Orchester ("Recitativo oscuro"; kein Klavierkonzert) ist auch nicht gerade exzeptionell, sehr gestenhaft, selbstbeschränkt, aber auf eine karge Art, die er sonst viel besser kann. Damit wären die eher schlechten Stücke benannt, die ich für mich verneinen muss. Demnach auch nicht verstehen will.
IV. In den "Variazoni" für Cello mit Orchester, das Werk eines 27-jährigen, ist schon purer Sicarrino enthalten. Da sucht keiner mehr, da ist einer schon. Etwas geschäftiger als in den 80ern, 90ern, da ist mehr Flechtwerk, mehr Schichtungen, wenig Pausen, und das Cello dominiert an keiner Stelle, geht auf im großen Ganzen, ähnlich wie in Ligetis "Cello Concerto", doch mit völlig unterschiedlichem Ergebnis. Was hier "variiert" wird, ist mir jedoch schleierhaft. Habe ich mir nicht oft angehört. Wer mehr über den Aufbau erfahren möchte, der lese die Ausführungen von Stefan Drees in der Loseblattsammlung "Komponisten der Gegenwart".
V. Bei Sciarrino geht es noch mehr als bei anderen Komponisten immer um die große Gestalt, um das Ganze. Einzelne Augenblicke sind nicht entscheidend. Manchmal passiert minutenlang derart wenig, dass man zwischendurch ein Glas spülen kann. Oder sich ein Obazda-Brot schmiert.
VI. Und doch kann es sein, dass man dann etwas Entscheidendes verpasst, einen Pistolenschuss zum Beispiel, oder eine oft gehörte Tonfolge, die plötzlich anderes Gewicht bekommt, durchdringender wird, und schon verändert sich die Tragweite des gesamten Stückes. "I fuochi oltre la ragione" ist so ein Ungetüm, dem man nicht mit üblichen formalen Kategorien beikommen kann. Lange Zeit herrscht hier eine Dürre, von der man ahnt, dass sich da etwas ankündigt, ein Riss, ein Loch, eine Ohrfeige, was auch immer. Nachdem man es fast nicht mehr für möglich hält: Ein Schuss, ein Knall. Immer wieder ein tiefer Schreck, auch nach dem zehnten Mal. Alle 1,1 Sekunden harte Schläge von hohem Xylophon, hohem Klavier und anderen Beteiligten. Fast zehn Minuten lang. Wo es 19 Minuten lang zu wenig war, ist es jetzt ein Zuviel. Kalkulierte Folter. Würde diese Sequenz ein oder zwei Minuten dauern, wäre das nicht außerordentlich. Aber zehn Minuten? Das wirkt tief. Das ist eine Art Wahnsinn, brutal, zerfetzend, Migränemusik. Meine erste Reaktion war ein ungläubiges Staunen, dann Verärgerung, doch nun halte ich das für etwas Bahnbrechendes. So etwas zu wagen. Ich hätte gerne die Gesichter während der UA in der ersten und zweiten Reihe gesehen.
VII. "Morte di Borromini" ist die Vertonung einer suizidalen Lebenskrise. Ein Abschiedsbrief wird verlesen. Der Erzähler, der am Anfang, in der Mitte und zum Schluss in Erscheinung tritt, nimmt sich zurück, verfällt nicht in stimmliche Schauspielerei. Der italienische Text ist im Booklet abgedruckt, leider nicht übersetzt. Das macht aber nichts. Viele Worte versteht man auch so, ohne genaue Sprachkenntnisse. Der Kontext gibt dem Atmen, Schnaufen, Schniefen und gerade noch wahrnehmbaren Pochen der Instrumente einen Sinn, der über das hinaus ragt, was trauerumflorte Streicherfiguren, bedauernde Klarinettenmelodien oder Klavierabgesänge leisten könnten, die man ansonsten hört, wenn es um das Ende, den Abschied geht. Musikalisch sind die ersten beiden Drittel durch mich kaum beschreibungsfähig. Ein Hauch von Nichts. Tupferchen, Pülverchen. Dann der unvermeidliche Druck von innen, Zuwachs an Lautstärke, erste Tumulte, enervierendes Holzbläserdröhnen, wir sind drin im Kopf des Architekten, der keinen Sinn mehr sieht in seiner Existenz.
VIII. Natürlich kann, muss Sciarrino auf Dauer nervtötend sein. Dieses beschränkte Vokabular an Gesten, Geräuschen, Fliegengitter aus Tönen, transparente Gardinen, Luftwesen. Sein Beharrungsvermögen. Die Nicht-Entwicklung, die Nicht-Analysierbarkeit. Manche Stücke sind wie das Warten auf den Nachtbus. Irgendwann kommt er, aber bis dahin muss man sich selbst beschäftigen. Und wenn man seine Scheinwerfer leuchten sieht... Die Kommentare im Booklet zu den Werken sind eher kryptischer Natur und sehr knapp. Der Einführungstext hingegen gibt wertvolle Hinweise zum Komponisten. Manche Laute können durchaus als naturalistische Environments gedeutet werden, Musik als Mimikry, als Wald und Garten. Mir drängt sich dieser Vergleich nicht auf. Dafür aber Hubert Stuppner: "Diese nach Dunkelheit sich verzehrende Helligkeit und Melancholie, die in der unerträglich heißen Landschaft Siziliens ihren archaisch monomanen Grund hat, ist zeitlos wie die Natur, die sie archetypisch beschreibt."
IX. Seit den frühen 70ern gibt es kaum ein Jahr, in dem Sciarrino nicht den großen Orchesterapparat bemüht, und sei es für eine Oper, die er seit einiger Zeit fast jährlich zu schreiben scheint. Durch sein gesamtes Schaffen ziehen sich auch Bearbeitungen oder Eingriffe in klassische Musik, so wie die Kadenzen für Flöten-, Klavier- und Violinkonzerte Mozarts, oder nehmen wir die verspielte Version von "Brazil", verrührt mit Debussy. "Allegoria della notte" ist eine solche nicht, sondern vielmehr die erneute Bestätigung, dass er sich den alten Meistern - hier Mendelssohn - sehr verbunden fühlt. Die ersten Takte erwecken den Anschein, als könnte ein zweites "Rendering" (Luciano Berio) beginnen. Weit gefehlt. Ein Zitat reinsten Wassers wird schnell wieder verdeckt, um dem typischen Sciarrino-Sound Platz zu machen, hier für leise singende Violine und scheinbar unterbeschäftigtes Orchester. Was der Rest mit Mendelssohn zu tun hat? Vermutlich nichts; oder alles. Später kommen die Zitate für Sekunden wieder. Ein befremdlicher Kontrast, ein eigenartiges, schwebendes Stück, eine Feder im Wind, ein übervorsichtiges Wesen, das laut sein könnte, wenn es wollte, aber auf Socken schleicht, um das Monster in der Höhle nicht zu wecken.
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