Edvard Grieg ist einer der vielen Komponisten, die bei uns stark vernachlässigt werden oder nur mit einem einzigen Werk identifiziert werden. Grieg aber mit den Peer Gynt Suiten und dem Klavierkonzert abzutun, wäre ein grober Fehler; schließlich komponierte er so viele andere großartige Stücke. Auf diesem Box Set jedenfalls finden sich sämtliche Werke mit Orchester.
An reinen Orchesterwerken gibt's zunächst die sinfonische Dichtung "Im Herbst" op. 11, ein herrliches Landschaftsbild, das vor Kraft und Bildmalerei strotzt und Griegs Verbundenheit zum Impressionismus unter Beweis stellt.
Die "zwei elegischen Melodien" op. 34, die "zwei Melodien" op. 53, die "zwei nordischen Melodien" op. 63 und die "zwei lyrischen Stücke" op. 68 sind sehr stark kontemplative Werke. Grieg verzichtet hier auf Orchesterpomp, macht sich durch seinen Rückgriff auf original norwegische Themen als Schaffer einer norwegischen Musikkultur verdient. Alle Stücke sind lyrisch und rühren ans Herz.
Ein verkanntes Meisterwerk sind die "norwegischen Tänze" op. 35. Es handelt sich um ein wildes Stück, das geradezu als Aufbruch für das norwegische Volk gedacht sein könnte, sich zu ihren kulturellen Wurzeln zu bekennen. Der skandinavische Schwermut weicht ausgelassener Freude und unendlicher Liebe zum Vaterland.
Die Orchestersuite "Aus Holbergs Zeit" op. 40 ist eines von Griegs idyllischsten Stücken. Es beschwört die alten norwegischen Zeiten wieder herauf, um in ihnen zu schwelgen. Mit althergebrachten Tanzarten gelingen dem Komponisten zahlreiche Charakterstücke, die das Ohr auf exotische Art erfreuen.
Die große sinfonische Dichtung "Bergliot" op. 42 beschreibt - unüblich für Grieg - ohne Gesang eine mythische Begebenheit in majestätischem Tonfall voller Hingabe und tieferes Verständnis für das norwegische Nationalgefühl.
Einen großen Variationszyklus für Orchester hat uns der norwegische Komponist ebenfalls hinterlassen: die "altnorwegische Melodie" op. 51. Es überrascht, wie weit uns Grieg wegführt vom ursprünglichen thematischen Material, womit er beweist, wie weltmännisch er es verstand, Nationales mit Kosmopolitischem zu verbinden.
Die "lyrische Suite" op. 54 ist ein herrliches Werk voller Lyrik, Anmut und Gefälligkeit. Sämtliche Stücke aus diesem Opus sind gekennzeichnet von leichter Zugänglichkeit und großem poetischem Effekt.
Die sinfonischen Tänze op. 64 sind ein grandioses Stück in vier Sätzen. Es handelt sich dabei um einen majestätischen, marschartigen Tanz, einen grazilen, getragenen, einen lustigen, ungestümen und einen rasanten, schroffen.
Gänzlich unbekannt ist die Sinfonie in c moll, deren Aufführung der Komponist zu Lebzeiten untersagte, da er sie selbst für misslungen hielt. Dabei steckt dieses Werk voller Experimentierfreude und beweist das Talent des jungen Edvard Grieg.
Der "Trauermarsch in Gedenken an Rikard Nordraak" ist ein Gelegenheitswerk des norwegischen Meisters, das voller Trauer, Anerkennung und Respekt steckt.
Das einzige Konzert, das Grieg hinterließ, ist sein gewaltiges Klavierkonzert a moll op. 16. Es kommt nicht oft vor, dass eine Komposition, die einer anderen nachempfunden ist, ihr Vorbild übertrifft. Grieg aber übertrifft sein geliebtes Schumann Konzert und schrieb eines der besten (Klavier)Konzerte überhaupt.
Besondere Erwähnung gebührt hier Lilya Zilberstein, die den Klavierpart übernimmt und auch die schwierigen, hochvirtuosen Passagen perfekt meistert. Sie spielt voller Liebe zum Detail, Klasse und Leidenschaft.
Edvard Grieg komponierte auch etliche Werke für Orchester und Gesang. Vor allem in diesen Stücken begründete Grieg die norwegische Identität, indem er Ereignisse aus der Geschichte Norwegens, die bis zu seinen Lebzeiten Einfluss auf das Gesicht des Landes hatten, musikalisch verarbeitete. Mit seinem Stück "Foran Sydens Kloster" op. 20 beispielsweise greift der Tonsetzer auf eine mythische Legende zurück, stattet sie opulent mit Frauenchor, Sopran und Tenor aus und bringt sie zu einem strahlenden, liebenden Finale.
Das Stück "Landkjenning" op. 31 beschreibt das historische Ereignis der Landnahme. Der Komponist setzt hier einen Bariton und einen Männerchor ein, die auf heroische Art und Weise dem norwegischen Volke huldigen. Ja, griegsche Orchesterwerke können durchaus auch nationalistisch patriotischen Einschlag haben...
"Den Bergtekne" op. 32 hingegen ist ein Werk mit archaischem Einschlag, das den Bariton durchaus fordert.
Unveröffentlicht ließ Grieg seine Orchesterlieder, obschon die für Bariton und Sopran vorgesehenen Stücke sein lyrisches Gespür beweisen. Die Lieder sind herrliche Charakterstücke in den verschiedensten Stimmungen.
Weiterhin finden sich alle Bühnenmusiken des Norwegers auf diesem Box Set. Fast unbekannt ist die Bühnenmusik "Sigurd Jorsalfar" op. 22. Es ist ein recht biederes Werk, das aber vor allem durch seine feine Orchestrierung zu überzeugen weiß. Weniger gelungen hingegen ist die Einbindung der menschlichen Stimme in das Orchesterganze.
Eine besondere Stellung kommt hier freilich Griegs Meisterwerk "Peer Gynt" op. 23 zu, der Musik zu Henrik Ibsens Drama, das jener angeblich nur mit halbem Herzen geschrieben habe. Es lohnt, die komplette Bühnenmusik zu hören. Den meisten Hörern sind nämlich leider nur die beiden Orchestersuiten bekannt, die der Komponist nachträglich arrangierte. Das Werk offenbart aber viel mehr Höhepunkte. Es ist zum großen Teil orchestral, teils unterbrochen durch Gesänge, Choräle oder Rezitative.
Das Singspiel "Olav Trygvason" op. 50 ist in drei Szenen unterteilt. Diese wiederum gliedern sich in drei beziehungsweise zwei Nummern, die aber nicht nacheinander gespielt werden, sondern abwechselnd. Dadurch entsteht eine einzigartige Atmosphäre, die sich bald in unbändiger Freude, bald in grenzenloser Trauer übt. Sicherlich handelt es sich hierbei um eines von Griegs gelungsten Werken.
Das Gothenburg Symphony Orchestra ist zwar schwedisch und sein langjähriger Maestro Neeme Järvi Este, dennoch erfassen sie den norwegisch skandinavischen Habitus der vorliegenden Werke punktgenau und nuancenreich. Zusammen mit Barbara Bonney (Sopran), Hakan Hagegard (Bariton) sowie zahlreichen anderen leisten sie Unvorstellbares: eine einwandfreie Zusammenstellung sämtlicher griegscher Orchesterwerke ohne Mängel in hervorragender Aufnahmequalität.
Fazit: Faszinierend - teils fast vergessene Werke werden hier perfekt und beherzt eingespielt. Mit dieser Kompilation wird hoffentlich ein Beitrag dazu geleistet, dass mit Edvard Grieg nicht mehr nur "Peer Gynt" und das Klavierkonzert assoziiert werden.